Verhandlungsdauer mindestens ein Jahr
111 Millionen und ein bisschen mehr

Die Deutschland AG steht vor Gericht: Am Mittwoch beginnt in Düsseldorf das Mannesmann-Verfahren. Es geht um die unternehmerische Freiheit von Top-Managern und den Schutz der Aktionäre.

Egal, welchen Weg die sechs Angeklagten wählen werden durch die verwinkelten Flure des Düsseldorfer Landgerichts, letztlich werden sie wohl vor den 27 dunkelblauen Marmorstufen stehen, die hinauf führen zum Saal L111. Dort werden die Journalisten warten am kommenden Mittwoch um kurz vor neun, Blöcke und Tonbänder gezückt in der Hoffnung auf ein schnelles Statement. Noch ein paar Schritte, beobachtet von den fünf zugelassenen Kameras der Fernsehsender, begleitet von den düsteren Szenen des Jüngsten Gerichts, die die Düsseldorfer Justiz als dreiteiliges Gemälde vor den Schwurgerichtssaal gehängt hat; dann stehen sie vor der Holztür, durch die sie bald wohl noch häufiger hindurch müssen.

Drinnen erwartet sie ein Verfahren, das in die Rechtsgeschichte eingehen wird. Es geht um eine Übernahmeschlacht, an deren Ende der britische Mobilfunkkonzern Vodafone für rund 190 Milliarden Euro die deutsche Industrielegende Mannesmann übernahm. Es geht um 111 514 794 Mark an Prämien und Pensionsabfindungen für eine kleine Gruppe Top-Manager. Es geht um Vorstände und Aufsichtsräte, Männer aus den höchsten Zirkeln der Deutschland AG, die diese Zahlungen im Frühjahr 2000 bewilligt haben, und darum, ob sie sich damit der Untreue schuldig gemacht haben, ob sie also vorsätzlich das Unternehmen geschädigt haben. Und es geht um den Kampf zwischen unten und oben, um die Wähler, die sich ereifern, dass ein Manager für eine verlorene Übernahmeschlacht mit 32 Millionen Mark belohnt wird. „Das ist ein politischer Prozess“, heißt es selbst in Justizkreisen.

Selten erregte ein Verfahren mehr Aufsehen. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel bezeichnete bereits die Klage gegen die sechs Beschuldigten als „Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland“. Und der amerikanische Aktienrechtler John Coffee sagte verwundert: „Ein solcher Prozess wäre in den USA undenkbar.“ Höchstens das Bonner Parteispendenverfahren Mitte der 80er-Jahre unter anderem gegen den früheren Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) sei politisch „noch einen Tick höher“ angesiedelt gewesen, sagt der Saarbrücker Strafrechtler Egon Müller.

Das Düsseldorfer Urteil wird das künftige Verhalten deutscher Vorstände und Aufsichtsräte stark beeinflussen. Denn das Gericht steht auch vor der Frage, wo die unternehmerische Freiheit eines Managers endet und von wo an der Staat Aktionäre schützen muss.

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