Verkauf von Kohlendioxid-Zertifikaten
Emissionshandel hilft Stahlbranche

Führende europäische Stahlhersteller erwägen, in den Handel mit Kohlendioxid-Emissionsrechten einzusteigen. Weil die Stahlnachfrage seit Monaten sinkt, werden Unternehmen wie Arcelor oder Thyssen-Krupp in diesem Jahr weniger Stahl produzieren als zunächst geplant. Der Verkauf von nicht mehr benötigten CO2-Zertifikaten könnte den Stahlherstellern helfen, einen Teil der Gewinneinbußen zu kompensieren, heißt es in Frankfurter Finanzkreisen.

DÜSSELDORF. Die Tagespreise für die Kohlendioxidzertifikate sind gestern an der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig auf den neuen Höchststand von 28,72 Euro je Tonne CO2 gestiegen. Die Verschmutzungsrechte sind damit fast sechsmal so teuer wie im März. Mit dem Verkauf von einer Million Emissionsrechten – die Menge entspricht dem Kohlendioxid-Ausstoß bei der Produktion von 670 000 Tonnen Roheisen – könnten die Stahlhersteller damit einen Sondererlös von knapp 30 Mill. Euro erzielen. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl hatte kürzlich das Produktionsziel für 2005 nach unten revidiert: Nach der neuen Prognose werden die deutschen Stahlhersteller in diesem Jahr 46 Mill. Stahl produzieren. Im April lag die Schätzung noch bei 47 Mill. Tonnen.

Grund für den starken Preisanstieg der Kohlendioxid-Emissionsrechte ist die hohe Nachfrage der Energieversorger. Im Vergleich zu Gas ist Kohle derzeit relativ billig. Die Stromproduzenten erzeugen deshalb im Moment mehr Strom in Kohlekraftwerken. Weil jedoch bei der Kohleverstromung mehr Treibhausgase als in einem Gaskraftwerk entstehen, steigt die Nachfrage nach Kohlendioxidzertifikaten.

Von Seiten der Industrie waren bislang vor allem die Energieversorger aktiv am Handel mit CO2-Zertifikaten beteiligt. Konzerne wie RWE, Eon und Vattenfall Europe haben eigene Stabsabteilungen aufgebaut. Dort versuchen Spezialisten, durch Hedging-Geschäfte von den Preisschwankungen zu profitieren. Auch Großunternehmen aus der Chemie engagieren sich, ebenso wie Banken und Broker zunehmend im Handel mit Emissionsrechten. Durch die steigende Zahl der Marktteilnehmer hat sich das durchschnittliche Handelsvolumen an der EEX seit März auf inzwischen 1,5 Millionen Zertifikate pro Tag verdoppelt.

Die Stahlhersteller waren bislang nicht mit von der Partie. Wie ein Sprecher von Thyssen-Krupp Steel in Duisburg dem Handelsblatt bestätigte, baut der größte deutsche Stahlhersteller jedoch bereits ein so genanntes Monitoring-System auf, um seinen kurz- und mittelfristigen Bedarf an Emissionsrechten besser zu planen. „Wenn wir wollten, könnten wir Emissionsrechte aber bereits jetzt verkaufen“, sagte der Sprecher. Eine endgültige Entscheidung werde das Unternehmen jedoch erst treffen, wenn das System arbeite und man einen besseren Gesamtüberblick habe.

Auch Arcelor, der zweitgrößte Stahlhersteller der Welt mit Sitz in Luxemburg, prüft seine Möglichkeiten bei CO2-Zertifikaten. Bereits im ersten Halbjahr hatte Arcelor die Stahlproduktion um 1,8 Mill. Tonnen gekürzt. Vor wenigen Tagen kündigte das Unternehmen an, im zweiten Halbjahr seine Flachstahlkapazitäten in Europa nur zu 80 Prozent auszulasten. Davon sind auch die beiden deutschen Standorte des Konzerns in Bremen und in Eisenhüttenstadt betroffen. „Es zeichnet sich ab, dass wir 2005 einen Überschuss an Emissionsrechten haben“, sagte ein Sprecher. Neben einem Verkauf komme allerdings auch eine Übertragung ins nächste Jahr in Frage.

Beim niedersächsischen Stahlhersteller Salzgitter dagegen haben die angekündigten Produktionskürzungen keine Auswirkungen auf die CO2-Bilanz. „Wir stellen weniger Walzprodukte her, weil wir weniger Brammen von Fremdfirmen zukaufen“, sagte ein Sprecher.

Für das Jahr 2005 haben alle Stahlhersteller in Deutschland kostenlose Rechte für den Ausstoß von 54 Mill. Tonnen Kohlendioxid erhalten. Bei der Produktion einer Tonne Roheisen auf der Basis von Eisenerz und Koks entstehen 1,5 Tonnen CO2. Mit nur 100 Kilogramm pro Tonne Stahl verursacht die Stahlerzeugung auf Basis von Schrott im Elektroofen weitaus weniger Treibhausgase. In Deutschland überwiegt mit einem Anteil von rund zwei Dritteln die Roheisenerzeugung über die Hochofenroute.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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