2 Bewertungen ****
08.07.2008 
Fresenius-Gruppe

Verschachtelter Expansionskurs

von Siegfried Hofmann und Maike Telgheder

Die geplante Übernahme der amerikanischen APP Pharmaceuticals beschert Fresenius neues Geschäft in einem Bereich, der bis vor kurzem noch eine untergeordnete spielte: das Geschäft mit patentfreien Medikamenten. Damit gewinnt einer der kompliziertesten deutschen Großkonzerne noch ein wenig mehr an Komplexität. Zurück geht diese auf eine Besonderheit in der Eigner-Struktur.

Fresenius-Zentrale in Bad Homburg. Foto: APLupe

Fresenius-Zentrale in Bad Homburg. Foto: AP

FRANKFURT. Das Unternehmen sei ein "global aufgestellter, diversifizierter Gesundheitskonzern", lautet die Definition, mit der Firmenchef Ulf Schneider die Bad Homburger Fresenius-Gruppe umschreibt. Seit Montag ist der Konzern noch ein Stück globaler und diversifizierter. Denn die geplante Übernahme der amerikanischen APP Pharmaceuticals beschert Fresenius zusätzliche Marktpräsenz in Nordamerika und auch neues Geschäft in einem Bereich, der bis vor kurzem noch eine untergeordnete für Fresenius spielte: das Geschäft mit patentfreien Medikamenten.

Von den 11,4 Mrd. Euro Umsatz, die Fresenius SE im vergangene Jahr machte, entfielen bislang in der Unternehmenssparte Kabi rund 400 Mill. Euro Umsatz auf intravenös zu verabreichenden Generika. Durch den APP-Kauf wird dieser Umsatz verdoppelt und Fresenius SE rückt in die Top-Liga dieser Generika-Hersteller auf. "APP ist die lang angestrebte Plattform in Nordamerika für uns, um Kabi global aufzustellen", sagte Fresenius-Chef Ulf Mark Schneider am Montag. Das Spektrum des Bad Homburger Gesundheitsriesen reicht künftig vom Krankenhaus-Engineering über Medizintechnik und Klinik-Management bis hin zu Produktion und Vertrieb von Arzneimitteln.

Einer der kompliziertesten deutschen Großkonzerne gewinnt damit nicht nur an Größe, sondern auch noch ein wenig mehr an Komplexität. Das gilt für die geschäftliche wie auch für die finanzielle Seite der Transaktion. Denn Fresenius geht auch hier unkonventionelle Wege, indem es den Aktionären von APP neben einem festen Kaufpreis von 3,7 Mrd. Dollar einen erfolgsabhängigen und handelbaren Besserungsschein (Contingent Value Right) von bis zu einer Mrd. Dollar beziehungsweise sechs Dollar je Aktie offeriert. Neben den Aktien der Fresenius SE und den Papieren der Fresenius Medical Care (FMC) wird damit gewissermaßen ein weiteres Fresenius-Wertpapier in den Handel gelangen.

Diese Komplexität in der Finanzierung geht letztlich zurück auf eine Besonderheit in der Eigner-Struktur von Fresenius: An der Spitze des Konzerns steht eine Stiftung, die von der früheren Firmeninhaberin Else Kröner gegründet wurde. Die Institution machte im Frühjahr mit Querelen zwischen der ehemaligen Geschäftsführerin Gabriele Kröner und dem Verwaltungsratsmitglied Dieter Schenk Schlagzeilen. Sie hält mit rund 60 Prozent die Stimmrechtsmehrheit an der Konzernobergesellschaft Fresenius SE und zeigt sich entschlossen, diese Position auch zu halten. Daraus wiederum resultieren gewisse Einschränkungen, was die Ausgabe neuer Aktien auf Ebene der Fresenius SE angeht.

Das hat den Bad Homburger Konzern zwar nicht von einem ehrgeizigen Expansionskurs abgehalten, ihn aber gezwungen, 1996 den Kauf der damals weitaus größeren National Medical Care in den USA durch einen separaten Börsengang der durch diese Fusion neu entstehenden Firma Fresenius Medical Care (FMC) zu finanzieren, in die Fresenius die eigene Dialysetechniksparte einbrachte. FMC mit einem Umsatz von umgerechnet rund sieben Mrd. Euro ist heute der weltweit führende Anbieter von Dialyse-Produkten und Dialyse-Dienstleistungen.

An dem im Dax notierten Unternehmen halten externe Aktionäre zwar rund zwei Drittel der Kapitalanteile, die unternehmerische Kontrolle liegt aber weiterhin voll bei Fresenius, die FMC komplett in ihrem Abschluss konsolidiert. Weitere Börsengänge von Teilkonzernen, insbesondere ein Listing der Sparte Kabi - etwa zur Finanzierung der APP-Übernahme - schloss Fresenius-Chef Schneider am Montag aus. Allerdings werde der Konzern nach der APP-Übernahme weitere Akquisitionen erst einmal vorsichtiger angehen, sagte Schneider. Vorrang habe der Abschluss der APP-Transaktion.

Nach dem Klinikbetreiber Helios und dem US Renal Care Group-Dialysespezialisten ist APP für den Fresenius-Konzern bereits die dritte Milliardenübernahme innerhalb von vier Jahren. In den vergangenen drei Jahren hat der Fresenius-Konzern rund 5,6 Mrd. Euro in verschiedene Akquisitionen investiert. Dazu gehörte vor allem die Übernahme von Renal Care durch FMC und der Kauf der Klinikkette Helios, die jetzt mit 1,8 Mrd. Euro Umsatz der drittgrößte Unternehmensbereich von Fresenius ist.

Die APP-Übernahme soll nach den Worten von Finanzvorstand Stephan Sturm überwiegend fremdfinanziert werden. Grundsätzlich sei aber auch eine Kapitalerhöhung vorgesehen. Der Mix aus Fremd- und Eigenkapital soll so gestaltet werden, dass mögliche Auswirkungen auf die Ratings der Fresenius SE minimiert werden. Standard & Poor's stuft die Fresenius SE aktuell mit BB ein. Moody's gibt dem Unternehmen ein Rating von Ba 1, stufte am Montag allerdings den Ausblick von neutral auf negativ herab. Sollte die Bewertung zurückgenommen werden, "wäre das nicht das Ende der Welt", meinte Finanzvorstand Sturm am Montag. Details zur Finanzierung will das Unternehmen in den nächsten Wochen vorlegen.

Zum Ende des Jahres 2007 hat der Konzern Netto-Finanzschulden von rund 4,7 Mrd. Euro ausgewiesen, was rund dem 2,3-Fachen des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) und gut dem Achtfachen des letzten Free-Cashflows entspricht. Durch die Übernahme von APP dürfte die Verschuldung auf gut das Dreifache des Ebitda ansteigen.

Dessen ungeachtet erwartet das Fresenius-Management, dass sich die Akquisition entsprechend dem Finanzierungsplan im ersten Jahr neutral und ab dem zweiten Jahr deutlich positiv auf das Ergebnis pro Aktie auswirken wird. Ziel ist es laut Sturm, die Nettoverschuldung 2010 im Verhältnis zum Ebitda auf einem Wert von 2,5 bis 3,0 des Ebitda zurückzuführen. Der Umsatz des Konzerns soll bis dahin auf 15 Mrd. Euro wachsen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Eick löst Middelhoff als Arcandor-Chef ab  Artikel in Merkliste

Das ist ein Paukenschlag in der deutschen Unternehmenslandschaft: Der Noch-Finanzvorstand der Deutschen Telekom, Karl-Gerhard Eick, wird neuer Vorstandschef des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor. Das erfuhr das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen. Was aus dem aktuellen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wird, ist noch unklar. Artikel


Anzeige