Versorger: RWE sucht Anschluss in den Niederlanden

Versorger
RWE sucht Anschluss in den Niederlanden

Die Konsolidierung bei den Energiekonzernen geht weiter: Derzeit liegt RWE im Wettstreit um den Versorger Essent vorn. Der Verkaufsprozess ist aber komplex. Zudem droht in Deutschland Ärger mit dem Kartellamt.

JÜRGEN FLAUGER | DÜSSELDORF

RWE-Chef Jürgen Großmann hat den ersten großen Zukauf seiner Amtszeit im Visier. Der deutsche Energiekonzern liegt nach Informationen aus Branchenkreisen im Wettstreit um den niederländischen Versorger Essent vorn. Vorstand und Aufsichtsrat von Essent hätten entschieden, mit RWE in exklusive Verhandlungen zu treten. In der kommenden Woche müsse nur noch ein Ausschuss der größten Anteilseigner zustimmen. Allerdings wird auch dann noch mit langen und schwierigen Verhandlungen gerechnet.

Weder Essent noch RWE wollten sich zum Stand der Gespräche äußern. Der deutsche Branchenriese hat aber nie einen Hehl aus seinem Interesse am niederländischen Markt gemacht.

Essent würde auch gut zu RWE passen, weil sich die Versorgungsgebiete der beiden Nachbarn gut ergänzen. Essent ist vor Nuon der größte Energiekonzern der Niederlande und versorgt dort 2,6 Mio. Kunden mit Strom und Gas - und damit rund 30 Prozent der Haushalte. Mit einem Umsatz von zuletzt 7,3 Mrd. Euro gehört das Unternehmen in Europa aber eher zu den kleineren Spielern. RWE selbst setzt über 44 Mrd. Euro um.

Der Konzern ist bereits in den Niederlanden aktiv und kooperiert auch mit dem Betreiber des niederländischen Hochspannungsnetzes, Tennet. RWE hatte schon unter Großmanns Vorgänger, dem Niederländer Harry Roels, einen Vorstoß im Nachbarland gestartet, damals war aber Nuon im Fokus.

Die Eigentümer von Essent, niederländische Provinzen und Kommunen, hatten das Unternehmen im vergangenen Sommer zum Verkauf gestellt. Dabei soll aber auf Druck der Regierung das Netzgeschäft abgetrennt werden. Weiterveräußern dürfte der Käufer auch die Müllsparte des Unternehmens.

Neben RWE galten auch Gaz de France, die schwedische Vattenfall und ein Konsortium aus der italienischen Eni und der dänischen Dong als Interessenten. Jetzt soll aber offenbar RWE der Blick in die Bücher gewährt werden. In Branchenkreisen wird mit einer Entscheidung darüber bis zum kommenden Donnerstag gerechnet.

Nach einem Bericht der niederländischen Tageszeitung "Het Financieele Dagblad" bietet RWE bis zu zehn Mrd. Euro, je nachdem, wie die Bewertung letztlich nach einem Blick in die Bücher ausfällt. Die Summe wäre vergleichsweise hoch, urteilen die Analysten von Sal. Oppenheim. Die zum Verkauf stehenden Essent-Aktivitäten würden nach ihren Berechnungen mit dem Neunfachen des Ergebnisses vor Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) bewertet, die Branche dagegen an der Börse zurzeit mit dem Siebenfachen. Noch vor wenigen Wochen war über einen Kaufpreis von lediglich sechs Mrd. Euro spekuliert worden. An der Börse wurden die Spekulationen trotzdem gut aufgenommen. Die RWE-Aktie notierte in einem schwachen Umfeld lange im Plus, ehe auch sie dem Markttrend folgte.

Trotz der Finanzkrise könnte RWE sich den Kauf von Essent leisten. Der Konzern wies zum Ende des dritten Quartals lediglich Nettofinanzverbindlichkeiten von 140 Mio. Euro aus und verfügte über flüssige Mittel und kurzfristig verfügbare Wertpapiere in einer Höhe von rund 9,2 Mrd. Euro.

Vor einer Übernahme müsste RWE allerdings noch viele Hürden überwinden. Zum einen dürfte es für das Essent-Management schwierig werden, alle Eigentümer von seinen Vorstellungen zu überzeugen. Der Versorger gehört zu 74 Prozent sechs niederländischen Provinzen, den Rest halten rund 140 Gemeinden im Norden, Osten und Süden der Niederlande. Wie schwierig die Meinungsbildung unter den Aktionären ist, hat das Management in den vergangenen Jahren wiederholt erlebt: Gleich mehrfach scheiterte der Versuch, Essent mit Nuon zu fusionieren.

Offen ist auch, wie die niederländische Regierung einen Kauf durch RWE bewerten würde. Sie steht dem Verkaufsprozess insgesamt skeptisch gegenüber und hat die Abtrennung der Netzaktivitäten durchgedrückt. Noch hat sie dem vom Essent-Management vorgelegten Konzept dafür nicht zugestimmt. Auch darf sie nach jüngst beschlossenen EU-Richtlinien ein Veto einlegen, wenn ein Unternehmen ohne Netz von einem mit Netz, wie RWE, übernommen werden soll.

Probleme würde RWE auch auf dem deutschen Markt bekommen, dem wichtigsten Auslandsmarkt von Essent. Die Niederländer haben hier lukrative Beteiligungen, unter anderem in Bremen, und sind im Vertrieb an Großkunden erfolgreich.

Die Kartellbehörden würden eine Expansion von RWE auf dem Heimatmarkt nicht akzeptieren. Wie es in den Branchenkreisen heißt, würde RWE gerne viele Aktivitäten von Essent, etwa auch die Bremer SWB, behalten und stattdessen eigene Töchter im Stammgebiet an Rhein und Ruhr verkaufen. Die Kartellwächter würden aber vermutlich sehr hohe Forderungen stellen.

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