Sie ist unübersichtlich, aber dennoch begehrt und hoch bewertet. Im Schatten von Pharmabranche und IT-Sektor avancierte die Medizintechnik in den vergangenen Jahren zu einem gewichtigen Teil der globalen Gesundheitsindustrie. Zwar setzt die Medizintechnik weniger um als die Pharma-Branche - doch sie wächst doppelt so schnell.
FRANKFURT. Der Trend dürfte sich nach Einschätzung vieler Branchenbeobachter weitgehend fortsetzen, obwohl in Teilbereichen durchaus Schwächephasen zu beobachten sind. So wurden Medtech-Hersteller wie Siemens,
General Electric
und Philips
zuletzt durch eine Sparwelle im US-Krankenhaussektor spürbar gebremst.
Auf globaler Ebene trauen Branchenexperten wie Laura Rossi von der Investmentgesellschaft BB Medtech
der Medizintechnik-Industrie in den kommenden Jahren gleichwohl Umsatzsteigerungen von acht bis zehn Prozent und kräftige Gewinnsteigerungen zu. Deutlich zweistellige Wachstumsraten erwartet man bei BB Medtech
unter anderem für die Bereiche Zahnimplantate, Wirbelsäulenchirurgie und die molekulare Diagnostik. Auch Segmente wie Hörgeräte gelten weiterhin als expansionsstark. Branchenfachmann Peter Borges von Deloitte Consulting betrachtet unter anderem auch die Neurochirurgie als interessanten Wachstumsmarkt.
Den weltweiten Medizintechnik-Markt schätzen Fachleute - je gewählter nach Abgrenzung - auf eine Größe von 250 bis 300 Mrd. Dollar, wobei etwa 40 Prozent des Marktvolumens auf die USA entfallen dürften. Die Branche ist damit zwar deutlich kleiner als die Pharmaindustrie (mit rund 650 Mrd. Dollar Umsatz), expandiert aber fast doppelt so schnell.
Auch die Ertragsperspektiven erscheinen insgesamt günstiger, wobei die Unterschiede innerhalb des Sektors jedoch sehr groß sind. Je nach Produktsegment, Marktposition und Innovationsgrad bewegen sich die operativen Margen zwischen niedrig einstelligen Werten und mehr als 30 Prozent. Entsprechend heterogen sind die Prognosen für Teilsegmente und Einzelunternehmen. Experten von Lehman Brothers
erwarten für die europäische Medizintechnik-Branche zwar Gewinnsteigerungen von durchschnittlich fast 20 Prozent pro Jahr bis 2010. Sie warnen zugleich aber auch vor rückläufigen Wachstumsraten und Margen-Druck in einzelnen reifen Segmenten, etwa bei Hüftimplantaten oder bei Kardiologie-Produkten.
Die Spannbreite der Renditen und Prognosen reflektiert die extreme Vielfalt der Medtech-Industrie. Von einer einheitlichen Branche kann nicht die Rede sein. Es handelt sich vielmehr um eine Ansammlung von Einzelbranchen, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, dass man technische Produkte und Leistungen für Kliniken, Ärzte oder auch direkt für die Patienten anbietet. Das Produktspektrum reicht von Einwegspritzen über Chirurgiegeräte, Implantate oder Herzschrittmacher bis hin zu großtechnischen Krankenhaus-Ausrüstungen wie Computer-Tomographen und Bestrahlungsanlagen.
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BB Medtech
Die regulatorischen Hürden für neue Produkte wurden zwar auch in der Medizintechnik in den letzten Jahren nach oben geschraubt. Insgesamt sind Schrittinnovationen jedoch nach wie vor wesentlich leichter zu realisieren und die Zulassungsanforderungen deutlich niedriger als etwa im Arzneimittelbereich. Die Entwicklungs-Risiken in der Medizintechnik gelten daher als deutlich geringer als in der Pharmabranche, die derzeit mit einem Innovationsdefizit und zahlreichen Produktausfällen kämpft. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt Risikokapital- und Private-Equity-fonds in der Medizintechnik engagiert.
Eine zweite Antriebskraft hinter der Übernahmewelle war die Strategie von etablierten Medtech-Konzernen, ihre Produktprogramm und regionale Präsenz zu verstärken, wobei zum Teil beachtliche Preise gezahlt wurden. "Die Internationalisierung des Geschäfts hat für viele Firmen eine Riesenpriorität", so Rossi.
Zu den Schwerpunkten der Konsolidierung gehörte in den vergangenen beiden Jahren der Bereich Herzimplantate (Stents etc.), wo unter anderem Boston Scientific und Abbott
stark zukauften, zum anderen die Diagnostika-Industrie, wo sich große Elektrotechnik-Konzerne wie Siemens,
GE
und Philips
mit großen Zukäufen deutlich verstärkten, indem sie über ihre angestammten Arbeitsgebiete im Bereich der Bildgebenden Diagnostik hinaus expandierten, etwa in den Bereich der Invitro-Diagnostik oder der Atemwegstechnik.
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"Manche Preise sind kritisch zu bewerten"
Handelsblatt: Herr Borges, in der Medizintechnik gab es in den vergangenen Jahren geradezu eine Welle von Übernahmen. Hält dieser Trend an?
Peter Borges: Ja. Aus Sicht von Investoren ist es vor dem Hintergrund eines stetig wachsenden Gesundheitsmarktes nur plausibel, in diesen Bereich zu investieren. Aus Sicht der Medizintechnikhersteller ist es sinnvoll, sich zu größeren Einheiten zusammenzuschließen, um beispielsweise Entwicklungsrisiken zu verteilen. Denn es kommt immer wieder vor, dass Verfahren, die über Jahre entwickelt werden, am Markt nicht zugelassen oder die Kosten dafür von den Krankenkassen nicht übernommen werden.
Einige Unternehmen scheinen sehr teuer zugekauft zu haben. Oft wurde mehr als das Zwanzigfache des Gewinns vor Zinsen und Steuern gezahlt, etwa bei Siemens/Dade
Kommt die Ernüchterung?
Für den Markt sind die Höchstpreise, die zum Teil gezahlt wurden, sicher kritisch zu bewerten. Die versprochenen Effizienzgewinne müssen sich nicht einstellen. Oft nimmt durch Übernahmen die Forschungsintensität sogar ab. Vorher gab es den Wettstreit der guten Ideen, nach der Fusion werden die Forschungsabteilungen zusammengelegt. Und, ohne Namen zu nennen: Manchen Unternehmen geht es bei den Übernahmen schlicht um Marktmacht. In manchen Teilbereichen entstehen dann monopolartige Strukturen, die es den Firmen erlauben, den Preiswettbewerb quasi auszuschalten.
Welche Segmente sind aus Sicht der Medizintechnik vielversprechend?
Durch die demografische Entwicklung steigt das Volumen der altersbedingten Krankheiten. Gelenkersatz wird ein großes Thema in der Medizintechnik werden. Auch die bildgebenden interventionellen Verfahren etwa in den Bereichen Kardiologie (z.B. Kardio-CT) und Neurochirurgie bleiben ein Wachstumsmarkt.
Es wird hierzulande viel vom Trend zu mehr ambulanten Behandlungen gesprochen. Profitiert davon die Medizintechnik?
Das würde ich eher neutral sehen. Wir haben in Deutschland tatsächlich einen Nachholbedarf im ambulanten Bereich. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es einen Investitionsschub gibt. Wenn die Krankenhäuser dazu übergehen, ihre ambulanten Bereiche auszubauen, ist die Ausstattung dazu in der Regel ja schon vorhanden. Letztlich ist es eine Frage, wie künftig die ambulanten Leistungen vergütet werden. Solange die stationären Leistungen attraktiver vergütet sind als die ambulanten, ist mit nicht mit einer großen Veränderung in dem Bereich zu rechnen.
Peter Borges ist Partner im Bereich Gesundheit bei Deloitte.

