Vertrag steht
VW und IG Metall einigen sich auf Tarif

Der Autokonzern VW hat sich mit der IG Metall auf einen Tarifvertrag geeinigt, und das, obwohl die Arbeitnehmervertreter für den Konzern einen höheren Lohnaufschlag angestrebt hatten, als in der gesamten Branche. Das Ergebnis trifft 100.000 Beschäftigte.
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FrankfurtFrühmorgens um halb fünf war der Deal besiegelt. Mit Dutzenden Delegierten aus den sechs westdeutschen VW-Werken und der Finanzsparte des Konzerns hatte IG-Metall-Bezirkschef Hartmut Meine am Mittwochabend noch einmal die Stimmung in der Belegschaft ausgelotet. Die nächtliche Marathonsitzung, die er sich anschließend mit seinem Gegenüber Martin Rosik lieferte, ist für die Schlussetappe von Tarifgesprächen bei Volkswagen fast ein normaler Programmpunkt.

Dass in diesem Jahr jedoch bereits in der zweiten Runde eine Einigung gelang, verbucht die Gewerkschaft auch als eigenen Erfolg - sowie als Verdienst der Beschäftigten, die den Druck auf die Spitze erhöht hatten. „Wir haben einen Schnaps mehr als in der Fläche“, sagte Meine am Donnerstag etwas müde, aber gut gelaunt in Hannover.

Zur Zufriedenheit hatte der Gewerkschafter allen Grund. Das lange ausgehandelte Einkommensplus von 4,3 Prozent für die rund 102.000 Tarifbeschäftigten in Wolfsburg, Braunschweig, Salzgitter, Kassel, Hannover, Emden und bei der Finanztochter liegt zwar formal auf demselben Niveau wie in der gesamten Metall- und Elektroindustrie.

Da in der Fläche für den rückwirkend vereinbarten Startmonat April aber noch keine Lohnsteigerung greift, haben die rund 3,6 Millionen Kollegen dort real nur knapp 4,0 Prozent mehr in der Tasche. Der neue VW-Haustarifvertrag beginnt zum 1. Juni und läuft ebenfalls 13 Monate - allerdings ohne eine Pause bei den Erhöhungen. „Es ist gelungen, den Nullmonat wegzuverhandeln“, sagte Meine. Damit schlagen sich die sprudelnden Gewinne bei Volkswagen in einem leicht höheren Aufschlag sowohl beim Entgelt als auch bei den Ausbildungsvergütungen nieder.

Der reine Umfang ist für die IG Metall dabei nur ein Baustein. Eine größere zeitliche Nähe zwischen Flächen- und Hausabschluss sei wichtig, weil die Lage in vielen Regionen instabil bleibe, betonte Meine. „Vor dem Hintergrund der Volatilität auf den Finanzmärkten glaube ich, dass es zu einer Renaissance einjähriger Tarifverträge kommen wird“ - zumal dies die Planungssicherheit für VW verbessere.

Für Meines Verhandlungspartner Rosik bewegt sich das zäh errungene Tarifpaket gerade noch im Rahmen des Möglichen. „Manchmal hilft es, dass man sich während einer Verhandlung den letzten Ruck gibt. Dazu waren wir entschlossen“, räumte der Personalchef der Kernmarke VW-Pkw ein. Das Plus sei ordentlich - das Ende der Fahnenstange aber vorerst erreicht: Vor allem asiatische Wettbewerber hätten weitaus geringere Arbeitskosten, betonte er mit Blick auf Konkurrenten wie Hyundai.

„Auf der anderen Seite gehen wir davon aus, dass wir über längere Frist wachsen“, sagte Rosik. Und das sei nur möglich, wenn fachliche Qualität an Bord sei. Ein üppiger Tarifabschluss als Zeichen der Motivation an die Truppe - „das sind klare Signale“. Dazu passe, dass bis Mitte 2013 bis zu 3000 Leiharbeiter übernommen und viele ebenso gut bezahlt werden sollen wie die Stammbelegschaft. Außerdem will VW an den zehn deutschen Standorten pro Jahr 175 mehr Azubis einstellen.

Doch die Unwägbarkeiten sind auch für den nach Auslieferungen inzwischen zweitgrößten Autokonzern der Welt nicht zu unterschätzen. Wie viel der neue Haustarif die Volkswagen AG kostet, wollte Rosik nicht verraten. Stattdessen bekräftigte er seine Vorsicht: „Viel wird davon abhängen, wie sich die Lage in Europa entwickelt“, warnte der Manager. „Aber wir haben die gesamte weltwirtschaftliche Situation im Auge. Das ist nicht nur ein Griechenland-spezifisches Thema.“

Wachsende Risiken hin oder her: Einstweilen sieht auch der mächtige Betriebsratschef den Kompromiss als Bestätigung für den Erfolg der VW-Mannschaft. Bernd Osterloh lobte das „großartige Verhandlungsergebnis“ - nicht ohne einen Seitenhieb auf die anfangs starre Haltung der Führungsetage auszuteilen. Dass über 30 000 Kollegen an mehreren Standorten gegen den schleppenden Auftakt der Tarifrunde Anfang Mai protestiert hatten, sei nicht zu unterschätzen. „Es hat uns geholfen, dieses tolle Ergebnis zu erzielen.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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