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15.07.2008 
Autobauer entscheidet sich für Standort

Volkswagen baut US-Werk in Tennessee

Der Volkswagen-Konzern will in Chattanooga sein Werk in den USA errichten. Zunächst sollen in Tennessee nur Modelle der Kernmarke VW gebaut werden. Danach kann aber auch eine gemeinsame Produktion mit der Schwestermarke Audi ins Auge gefasst werden.

Das Volkswagen-Verwaltungsgebäude in Wolfsburg. Der Autobauer wird ein Werk in den USA errichten. Foto: dpaLupe

Das Volkswagen-Verwaltungsgebäude in Wolfsburg. Der Autobauer wird ein Werk in den USA errichten. Foto: dpa

mcs/HB WOLFSBURG/HAMBURG. Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, der dem VW-Aufsichtsrat angehört, erklärte nach einer Sitzung des Kontrollgremiums: "VW wird mit der heutigen Entscheidung, eine Fabrik in Chattanooga/Tennesee zu errichten, endgültig zum globalen Unternehmen, unabhängiger von kontinentalen Konjunkturschwankungen und von Währungsdisparitäten, insbesondere zwischen Dollar und Euro." Das Land Niedersachsen besitzt gut 20 Prozent der VW-Aktien, Wulff vertritt die Interessen des Landes im Aufsichtsrat. Der CDU-Politiker betonte, nach den Werken in Russland und Indien sei das Werk in den USA "ein weiterer Baustein, Nummer zwei in der Welt zu werden, weiter anzugreifen und durch Mengen- und Stückzahleffekte erfolgreich zu bleiben".

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn will nach Handelsblatt-Informationen trotz der dramatischen Probleme auf dem US-Markt gut 600 Mill. Euro in ein eigenes Werk dort investieren. Weitere US-Projekte will der Aufsichtsrat später beschließen. „Wir entscheiden erst einmal grundsätzlich über die Investition“, hatte Volkswagens Betriebsratschef und Aufsichtsrat Bernd Osterloh vor wenigen Tagen dem Handelsblatt gesagt. „Die Frage, ob wir Fabriken für Motoren und Getriebe bauen, wird zu einem späteren Zeitpunkt geklärt.“ Branchenkenner schätzen die dafür anfallenden Kosten auf noch einmal mindestens 300 Mill. Euro.

Der Zeitplan ist eng. Europas größter Autobauer will bereits ab 2010 in der neuen Fabrik produzieren. In einer ersten Stufe sind rund 150 000 Autos pro Jahr geplant. Während viele Branchenkenner angesichts der Krise auf dem US-Automarkt skeptisch sind, bekommt Konzernchef Winterkorn Rückenwind von den Arbeitnehmervertretern. „Ich glaube fest an den Erfolg von VW in den USA. Das wird klappen“, sagte Osterloh trotz des jüngsten Absatzeinbruches.

Der größte Automarkt der Welt schrumpfte allein im Juni um mehr als 18 Prozent. Schuld sind die Sparzwänge der rezessionsgefährdeten Amerikaner, die Häuserkrise und der hohe Spritpreis. Osterloh schreckt das nicht: „Die Probleme im US-Markt sind sogar eine Chance für den VW-Konzern mit seinen sparsamen Motoren.“ Große Autos bekämen zunehmend Imageprobleme.

Zustimmung für seinen Schritt findet Winterkorn auch bei Christoph Stürmer vom Marktforscher Global Insight. „Das ist der beste Zeitpunkt für eine US-Offensive“, sagte der Branchenexperte. „Jetzt sind Marktstrukturen im Fluss. Loyalitäten werden aufgebrochen.“ Skeptisch ist Stürmer aber, ob das Image der Marke das geplante US-Wachstum wirklich trägt.

Volkswagen verbrennt seit Jahren Geld in den USA. Der schwache Dollar verschärft die Lage weiter. Unternehmenskreise gehen allein für 2008 von einem Verlust von rund 250 Mill. Euro aus. Eine amerikanische Produktionsstätte samt einem Zulieferanteil von mindestens 70 Prozent aus dem Dollar-Raum soll VW in die Gewinnzone führen. Seit die Deutschen vor 20 Jahren ihr Werk in Pennsylvania dicht gemacht haben, produzieren sie nicht mehr in den USA.

Das rund eine Milliarde Dollar (620 Millionen Euro) teure Werk in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee soll dem Wolfsburger Konzern helfen, binnen zehn Jahren den US-Absatz mehr als zu verdreifachen. Mit dem Neubau folgt VW Konkurrenten wie Daimler oder BMW, die bereits in Amerika produzieren, um sich vom starken Euro unabhängiger zu machen. Bisher beliefert Volkswagen den US-Markt aus seinem Werk im mexikanischen Puebla und mit Importen aus Europa.

Das neue Werk sei Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens im Dollarraum, sagte Vorstandschef Martin Winterkorn. „Die USA sind für unsere Volumenstrategie ein wichtiger Markt, den wir jetzt mit großer Konsequenz erschließen.“

Die ersten Wagen sollen in Chattanooga Anfang 2011 vom Band laufen. In der ersten Ausbaustufe will Volkswagen 150.000 Autos im Jahr bauen. 2007 waren in den USA rund 230.000 Fahrzeuge der Marke VW verkauft worden. Hinzu kamen 93.000 Audi. Damit lag der Marktanteil des Konzerns bei zwei Prozent.

Die Region Chattanooga habe eine entwickelte Zuliefer- und Verkehrsinfrastruktur sowie qualifizierte Arbeitskräfte, begründete das Unternehmen die Entscheidung. Mittelfristig werde VW an dem Standort rund 2000 Mitarbeiter beschäftigen.

Zunächst sollen in Chattanooga nur Modelle der Kernmarke VW gebaut werden. Danach könne aber auch eine gemeinsame Produktion mit der Schwestermarke Audi ins Auge gefasst werde, sagte ein Sprecher in Ingolstadt. Die VW-Tochter denkt ebenfalls über ein US-Werk nach, will sich mit einer Entscheidung aber noch Zeit lassen. „Wir werden im Frühjahr nächsten Jahres über einen Standort in den USA entscheiden“, bekräftigte der Sprecher.

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