Europas Autobauer setzen sich von der US-Konkurrenz ab. Doch für VW
-Finanzvorstand Pötsch bleibt Toyota
das Maß aller Dinge. Im Interview mit Handelsblatt.com nimmt Pötsch Stellung zu den Lieferengpässen beim Tiguan und die Attacke auf Continental
.
Handelsblatt: Herr Pötsch, was macht VW
anders als der Rest?
Hans Dieter Pötsch: Volkswagen
hat sich seit längerem konsequent fortentwickelt. Unsere Produktpalette haben wir durch neue Fahrzeuge ergänzt. Durch diese Verbesserungen schneiden wir besser ab als der Gesamtmarkt. Das ist auch im ersten Halbjahr der Fall gewesen. Und dabei stehen wir erst im Vorfeld einer noch verstärkten Produktoffensive. In der zweiten Jahreshälfte wird etwa der neue Golf kommen.
Wie fällt Ihr Ausblick aus?
Der Konzern ist mit allen Marken auf dem richtigen Kurs. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir weiter klar besser laufen werden als der Gesamtmarkt. Wir fühlen uns wohl mit dem, was wir versprochen haben. Absatz, Umsatz und Operatives Ergebnis werden wir gegenüber Vorjahr steigern.
Warum so zurückhaltend?
Wenn man weiß, was alles schief gehen kann, ohne darauf Einfluss zu haben, ist eine sehr konkrete Prognose über einen längeren Zeitraum nicht sachgerecht.
VW
baut reihenweise neue Fabriken. Dreht sich der Wind, leiden Sie erneut unter Überkapazitäten.
Viele Dinge haben sich in unserem Unternehmen verändert. Die Kostenstruktur ist deutlich schlanker geworden und unsere Flexibilität wesentlich höher. Der Punkt des Break-even liegt für Volkswagen
jetzt ganz woanders. Wir bleiben weiter vorsichtig und nehmen lieber in Kauf, dass wir weniger Autos verkaufen als wir könnten. Die Gewichtung im Weltbild von Volkswagen
hat sich ebenfalls verändert: Die wirtschaftlichen Ergebnisse in Osteuropa, Südamerika und China sind nicht grundlegend schlechter als in etablierten Regionen.
Beim Tiguan gibt es Lieferengpässe - haben Sie falsch geplant?
Der Tiguan ist für uns ein hochprofitables Produkt. Das Auto sitzt perfekt im Markt. Die Nachfrage ist so hoch, dass wir mit den bestehenden Kapazitäten nicht auskommen. Das wird sich in den nächsten Monaten ändern.
Übernehmen Sie sich?
Das Unternehmen geht sehr realistisch mit seinen Möglichkeiten und Chancen um. Wir schauen sorgfältig, dass wir die Organisation nicht überfordern. Innerhalb kurzer Zeit Werke in Indien, Russland, China und den USA aufzubauen ist eine große Herausforderung.
Was macht Sie zuversichtlich?
Wir haben eine außerordentlich robuste Strategie aufgestellt, die wir seit einiger Zeit konsequent verfolgen. Sicher gibt es die ein oder andere Herausforderung, die wir nicht vorhersehen konnten. Unseren Plan setzen wir aber mit großer Konsequenz um. Dabei ist es unwesentlich, ob sich zusätzliche Herausforderungen stellen. Es ist das Ergebnis eines Lernprozesses, richtig damit umzugehen. Und es geht nur, weil die ganze VW
-Mannschaft dahinter steht.
Welche Rolle spielt es, dass Sie absehbar Ford
als Nummer drei der Welt überholen dürften?
Für mich ist das nicht so wichtig. Wir kennen den hohen Marktanteil von Ford
in den USA und wissen, wie der Markt zu beurteilen ist. Mir ist viel wichtiger, unseren Weg profitabel weiterzugehen. Mit dem Erreichten sind wir nicht unzufrieden. Entscheidend ist aber, weiter auf dem eingeschlagenen Pfad zu bleiben. Kosten und Investitionen müssen wir im Griff haben.
VW
-Vorbild Toyota
zeigt Schwächen. Erleichtert das die Jagd?
Die Tatsache, dass Toyota
in den USA ebenfalls unter der Marktentwicklung leidet, darf man nicht überbewerten. Hätten wir dort ein größeres Engagement, wären wir auch stärker betroffen. Man darf die derzeitige Situation nicht zur Schwäche von Toyota
stilisieren. Das sind Probleme, die nicht strukturell angelegt sind, sondern schnell vorbeigehen. Toyota
bleibt Benchmark der Industrie. Das japanische Produktionssystem einschließlich der Einbindung der Lieferanten bleibt vorbildlich. Davon kann VW
noch einiges lernen.
Bedroht der Konzentrationsprozess der Zulieferer die Hersteller?
Natürlich müssen wir die Konsolidierung innerhalb der Branche beobachten. Im Vordergrund steht für uns die Leistungsfähigkeit unserer Partner. In diesem Kontext hat das Thema Continental
für uns eine hohe Bedeutung: Wir wollen sichergestellt wissen, dass strategische Projekte weitergeführt werden und wir keine mehrmonatige Hängepartie erleben.
Hat Sie die Attacke auf Ihren Zulieferer Continental
überrascht?
Es musste jedem klar sein, dass in einer Zeit, in der Aktienkurse ein solches Niveau erreichen, ein Einstieg hochattraktiv ist. Und es wird sicher noch mehr Fälle geben.
Schlägt die Stunde der Familien?
Es ist sicher kein Zufall, dass einige der erfolgreichsten Unternehmen der Automobilindustrie in Familienhand sind. Das hängt mit der Geschäftscharakteristik unserer Branche zusammen. Wir müssen hohe Investitionen tätigen - dabei dauert es relativ lange, bis das Geld zurückverdient wird.
Sind sie zufrieden mit Ihrem Großaktionär Porsche
?
Ich bin froh, dass wir uns in diesem schwierigen Marktumfeld nicht mit Verteidigungsstrategien auseinandersetzen müssen. Deshalb hat der VW
-Vorstand immer den Einstieg von Porsche
begrüßt. Es ist für uns ein Vorteil, dass wir uns voll auf die Herausforderungen des Marktes konzentrieren können.
Porsche
will bis zum Herbst die Mehrheit an VW
halten. Weht dann ein anderer Wind ?
Ich bin sicher, dass Porsche
davon überzeugt ist, dass das VW
-Management professionell vorgeht. Das für uns maßgebliche Gremium wird der Aufsichtsrat von Volkswagen
bleiben.
Wann bauen Sie Ihren MAN
-Anteil zu einer Mehrheit aus?
Ich schaue nicht jeden Tag auf irgendwelche Aktienkurse. Unsere Engagements sind wir nicht aus spekulativen Gründen eingegangen, sondern weil sie für uns eine strategische Rolle spielen. Erst vor kurzem haben wir 2,8 Mrd. Euro für unseren Anteil an Scania
überwiesen. Wir wollen unser Unternehmen fordern, aber nicht überfordern.
Dabei ließe sich gemeinsam viel Geld sparen. Ist das kein Anreiz?
Auch wenn die Auftragsbestände von MAN
zuletzt unter den Vorjahreswerten lagen, liegen Rekordbestellungen vor. Die muss der Vorstand in Profitabilität umsetzen. Wir wären nicht gut beraten, in der heutigen Situation zu viel über Synergien zu reden. Wir empfinden keinerlei Handlungsdruck. Es reicht aus, von Zeit zu Zeit über das Thema nachzudenken.
Bringen Benzinpreis und Umweltauflagen einen Epochenwechsel?
Eine Zäsur erwarte ich nicht. In der Debatte um Umweltverträglichkeit wird übersehen, wie effizient moderne Autos heute schon sind. Viele Trends wie der Wunsch nach Treibstoffeffizienz beschleunigen sich. Volkswagen
hat große Chancen, diese Situation besser zu bewältigen als andere.
An den steigenden Kosten etwa für Metall kommt keiner vorbei...
...weshalb wir über die Rohstoffseite zwangsläufig höhere Kosten bekommen. Das wird sich aber nicht unerheblich verzögern. VW
ist vertraglich gut aufgestellt, zudem sind wir gut abgesichert. Es ist aber keine Frage, dass wir in ein wirtschaftliches Umfeld mit höherer Inflation gehen. Autohersteller müssen sich zwangsläufig damit beschäftigen. Wir werden zu prüfen haben, ob wir einen ersten Schritt von Preisanpassungen noch in diesem Jahr machen.
Wie ist der Stand bei der Kleinwagenfamilie Up?
Der Up wird relativ kurz nach Beginn des neuen Jahrzehntes kommen. Wir werden deutlich mehr Technologievarianten anbieten als ursprünglich geplant. Das Konzept ist bestens für die Elektrifizierung geeignet - und das werden wir nutzen. Den Elektroantrieb werden wir dazu modularisieren.
Die Fragen stellte Mark C. Schneider.Hans Dieter Pötsch
28. März 1951
Hans Dieter Pötsch wird im österreichischen traun Nahe Linz geboren. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Hochschule Darmstadt.
Von 1979 bis 1987
arbeitet der Manager bei BMW
, zuletzt als Leiter des Konzerncontrollings.
1987
Pötsch wird Geschäftsführer für Finanzen und Verwaltung bei Trumpf.
Von 1991 bis 1995
ist er Vorstandschef bei Taub.
Juli 1995
Pötsch wechselt zu Dürr
. Er verlässt das Unternehmen Ende 2002 als Vorstandschef.
1. Januar 2003
Er wird ordentliches Mitglied des VW
-Vorstands - ohne Geschäftsbereich.
5. September 2003
Hans Dieter Pötsch übernimmt im VW
-Konzernvorstand die Verantwortung für Finanzen und Controlling.

