Volkswagen

Keine Schonfrist für Winterkorn

Winterkorn gibt nach dem gewonnenen Machtkampf sein erstes Interview und hat am Sonntag schon den nächsten großen Auftritt. Betriebsratschef Osterloh muss trotzdem bald einen Nachfolger suchen.
Update: 18.04.2015 - 16:26 Uhr Kommentieren
Er sei ein „Glücksfall für das Unternehmen“, so Betriebsratschef Bernd Osterloh. Quelle: AFP
Martin Winterkorn

Er sei ein „Glücksfall für das Unternehmen“, so Betriebsratschef Bernd Osterloh.

(Foto: AFP)

Berlin/ Shanghai/ WolfsburgNach dem Machtkampf mit VW-Patriarch Ferdinand Piëch muss Konzernchef Martin Winterkorn schnell wieder den Weg ins Tagesgeschäft finden. Am Sonntag wird der 67-Jährige auf einer großen Volkswagen-Veranstaltung vor Beginn der Automesse im chinesischen Shanghai erwartet. Bei der „Group Night“ des Konzerns hält der Vorstandschef üblicherweise eine Rede vor hunderten oder gar einigen Tausend Gästen.

Nach der eine Woche lang schwelenden Führungskrise steht Winterkorn besonders im Fokus. Der Betriebsrat baut fest auf eine Vertragsverlängerung von Konzernchef Martin Winterkorn. „Wir müssen in den nächsten Jahren gemeinsam mit ihm die neuen Strukturen schaffen, um damit die Grundlage dafür zu legen, dass sein Nachfolger genauso erfolgreich sein kann wie er“, sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh der Branchenzeitung „Automobilwoche“.

Mit einer Vertragsverlängerung könne die „beispiellose Erfolgsgeschichte“ von Volkswagen fortgesetzt werden, wird Osterloh in dem Vorabbericht zitiert. Winterkorn sei ein „Glücksfall für das Unternehmen“. Sein Nachfolger muss nach Worten Osterlohs erst noch aufgebaut werden. „Generell haben wir viele weitere Manager im Konzern, die in Betracht kämen. Aber die müssen sich in den nächsten Jahren erst noch einmal beweisen“, sagte der Betriebsratschef. Er hatte in der Vergangenheit gefordert, dass Winterkorn nach Ablauf seines Vertrags Ende 2016 zwei weitere Jahre auf dem Chefsessel bleibt.

Winterkorn hat im Machtkampf gegen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, der ihm jüngst öffentlich das Vertrauen entzog, eine Demontage vorerst abgewendet. Das Präsidium des Aufsichtsrates stärkte Winterkorn in der abgelaufenen Woche in einer Krisensitzung den Rücken. Demnach soll der Manager an der VW-Spitze bleiben, zugleich wurde ihm eine Verlängerung seines Vertrages in Aussicht gestellt. Nach der Entscheidung sagte Winterkorn gegenüber „Bild am Sonntag“: „Dieser Vertrauensbeweis ist Rückenwind auf unserem Weg, Volkswagen zum erfolgreichsten Automobilkonzern der Welt zu machen.“

Die Baustellen des VW-Konzerns
Führungskampf
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Eine Woche lang tobte ein Machtkampf in der VW-Führungsspitze. Das vorläufige Ergebnis: VW-Chef Martin Winterkorn bleibt im Amt, sein bis Ende 2016 laufender Vertrag soll verlängert werden - obwohl Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch von ihm abgerückt war. Nun muss Winterkorn liefern. Man lege „großen Wert darauf“, teilte das zentrale Präsidium des VW-Aufsichtsrats mit, dass der 67-Jährige „seine Funktion als Vorsitzender des Vorstands auch weiterhin so aktiv und erfolgreich wie bisher verfolgt“. Das kann man als Arbeitsauftrag lesen.

Kernmarke VW
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Bei der Marke VW rund um die Modelle Golf und Passat schlägt das Herz von Volkswagen. Doch der Motor stottert beträchtlich, die Marke fährt gemessen am Umsatz nur schmale Gewinne ein - gerade im Vergleich zum größten Rivalen Toyota.

Ein Grund: Die Produktion bei VW ist aufwendig und teuer - das Unternehmen stellt verhältnismäßig viele Bauteile selbst her und braucht rechnerisch mehr Mitarbeiter für jedes produzierte Auto als die asiatische Konkurrenz. Trotzdem kann VW keine Preise wie bei Oberklasse-Autos von Mercedes, Audi oder BMW aufrufen.

Hohe Produktionskosten
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Zwar betont der Konzernbetriebsrat, dass sich die Komponentenwerke - also die Fabriken für die Teile - vor dem Wettbewerb mit Zulieferern nicht verstecken bräuchten. Doch Winterkorn selber sagte vergangenen Sommer laut dpa-Informationen bei einem internen Managementtreff, es müsse dringend gesprochen werden über die heutige Fertigungstiefe der Komponente.

Winterkorn lenkte zwar schon gegen und brachte ein milliardenschweres Sparprogramm auf den Weg - wann aber die Marke in die Spur kommt, ist ungewiss. Und die weitere Umsetzung liegt nur noch bedingt in seiner Hand: Im Sommer ist Schluss mit Winterkorns Personalunion als Konzern- und Markenchef, dann übernimmt der frühere BMW-Vorstand Herbert Diess die Führung des größten Absatz- und Umsatzbringer der Wolfsburger.

US-Geschäft
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Die Werkself zieht damit an Gladbach vorbei auf den dritten Platz.Auf dem wichtigen US-Markt - er ist nach China der zweitgrößte der Welt - kommt der Konzern nicht voran, seit Jahren schon. In den USA fehlen die passenden VW-Modelle, sie sollen frühestens in eineinhalb Jahren auf den Markt kommen. Neben den Platzhirschen wie General Motors oder Ford sind vor allem die asiatischen Hersteller VW voraus.

US-Geschäft (2)
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Betriebsratschef Bernd Osterloh nannte den US-Markt für VW schon eine „Katastrophenveranstaltung“, und Piëch sagte vor eineinhalb Jahren: „Wir verstehen Europa, wir verstehen China, und wir verstehen Brasilien, aber wir verstehen die USA bislang nur in einem begrenzten Maße.“

Die Folge? Verluste. „In den letzten zehn Jahren sind die Ergebnisse der Pkw-Kernmarke in den USA in der großen Mehrheit in den roten Zahlen gewesen“, sagte NordLB-Analyst Frank Schwope der dpa. Der Konzern selbst veröffentlicht seit dem Antritt Winterkorns als Vorstandsboss 2007 keine Gewinnzahlen zu einzelnen Märkten mehr.

Budget Car
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Ein „Budget Car“, ein billiges Fahrzeug vor allem für Schwellenländer, ist bei VW zwar schon lange in Planung. Nach wie vor aber gibt es keinen Termin, wann es zu den Händlern kommen soll. VW hinkt hier der Konkurrenz hinterher. Das fehlende Einstiegsmodell sorgt zunehmend für Probleme - etwa auf dem wichtigen chinesischen Markt. Erst vor kurzem hatte VW-China-Chef Jochem Heizmann gesagt, in China hätten vor allem diejenigen Segmente größere Chancen, in denen die Wolfsburger nicht präsent seien: neben kompakten SUV-Geländewagen seien dies Autos im Billigsegment. Resultat: Die Verkäufe von VW Pkw lagen in den ersten drei Monaten unter dem Absatz von vor einem Jahr.

Zukunftsthemen
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Die digitale Vernetzung des Autos und alternative Antriebe - das sind die beiden großen Zukunftsthemen in der Autowelt. Wie kaum zuvor steht die Branche vor fundamentalen Veränderungen. Ganze Geschäftsmodelle wandeln sich, das Auto verliert gerade in Großstädten seinen Status. Und neue große Player wie Google und Apple könnten die Platzhirsche herausfordern. Während sich aber etwa BMW mit dem völlig neuen Elektroauto i3 positionierte, war bei VW von Elektro-Euphorie lange Zeit wenig zu spüren.

Konzernkenner vermuten, dass Piëch trotz der Schlappe an seinem Ziel festhalten wird, Winterkorn als seinen Nachfolger an der Spitze des Aufsichtsrates zu verhindern. Der oberste VW-Kontrolleur ist bis 2017 gewählt. Als Motiv für Piëchs Distanzierung von Winterkorn wird vermutet, dass er einen anderen Nachfolger sucht, der sein Lebenswerk vorantreiben soll.

Autoexperte Helmut Becker, der früher Chefvolkswirt von BMW war, hält Winterkorn nun für geschwächt. „Winterkorn hat nicht gewonnen“, sondern habe lediglich einen Etappensieg erreicht, sagte Becker dem WDR. Dem Sender zufolge äußerte er auch Zweifel daran, dass der VW-Chef über 2016 hinaus im Amt bleibt. „Das ist ein Knochenjob“, sagte Becker, der das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München leitet. „Ein Mensch alleine kann das auf die Dauer nicht durchstehen, ohne Schaden zu nehmen.“

Ab der Jahresmitte soll der bisherige BMW-Manager Herbert Diess in den Volkswagen-Konzern wechseln und von Winterkorn die Führung der schwächelnden Hauptmarke VW übernehmen. Laut Osterloh ist die Funktion von Diess vergleichbar mit dem Posten eines Chief Operating Officer (COO), der in US-Unternehmen für das Tagesgeschäft verantwortlich ist. Diess werde dafür zuständig sein, dass die von Winterkorn eingeleiteten Maßnahmen erfolgreich umgesetzt werden. „In Brasilien gibt es aktuell viel zu tun, in Russland, Indien, in den USA“, sagte Osterloh.


„In den letzten zehn Jahren sind die Ergebnisse der Pkw-Kernmarke in den USA in der großen Mehrheit in den roten Zahlen gewesen“, sagte Frank Schwope von der NordLB der Deutschen Presse-Agentur.

Volkswagen weist die Gewinne für einzelne Regionen seit 2007 - dem Antrittsjahr Martin Winterkorns als Vorstandschef - nicht mehr aus. Ein VW-Konzernsprecher erklärte diese Praxis am Samstag damit, dass die Erhebung der Zahlen aufwendig sei. Das liege daran, dass viele Teile auch aus Übersee zugeliefert würden und das Geschäft des Autobauens in den USA damit nicht zu 100 Prozent lokalisiert sei.

  • rtr
  • dpa
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