Volkswagen und Dieselgate
VW büßt für seine Fehler

In Tokio verbeugt sich der Japan-Chef, in Wolfsburg verkündet VW-Chef Matthias Müller einen Milliardenverlust: Das Dieselgate-Quartal endet für Volkswagen tief rot. Ein Fünf-Punkte-Plan soll es jetzt richten.
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Wolfsburg/TokioDer Skandal um manipulierte Abgaswerte hat dem Volkswagen-Konzern den ersten Quartalsverlust seit mehr als 20 Jahren eingebrockt. Die tiefroten Zahlen beenden eine rasante Rekordfahrt jäh und zwingen die Wolfsburger wie erwartet auch zum Kappen ihrer Jahresziele. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) steht ein Minus von rund 3,5 Milliarden Euro, auch unter dem Strich ist das Ergebnis mit minus 1,7 Milliarden Euro tiefrot. Das teilte Volkswagen am Mittwoch mit.

„Wir werden alles daran setzen, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen“, sagte VW-Konzernchef Matthias Müller. An der Börse legte die VW-Aktie nach Bekanntgabe der Zahlen um mehr als vier Prozent zu und setzte sich damit an die Dax-Spitze.

Europas größter Autokonzern hatte Mitte September eingeräumt, mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert zu haben. Es drohen Milliardenkosten für Rückrufe und wegen Strafzahlungen und Klagen.

Die zentrale Erklärung für den milliardenschweren Verlust sind rund 6,7 Milliarden Euro hohe Rückstellungen für die Folgen des Skandals. Jedoch steckt in der Bilanz auch ein positives Gegengewicht: Die Wolfsburger hatten sich im Sommer endgültig vom früheren Partner Suzuki getrennt. Durch den Verkauf der gehaltenen Suzuki-Anteile konnte Volkswagen 1,5 Milliarden Euro als positiven Sondereffekt im Finanzergebnis verbuchen und somit die Diesel-Folgen ein wenig lindern.

Die Erklärung dafür, dass die Zahlen beim Nachsteuerergebnis nicht noch schlechter ausfielen, liegt in der Besonderheit des China-Geschäftes bei den Wolfsburgern. Da Volkswagen im Reich der Mitte mit Partnern unterwegs ist, behandeln die Buchhalter die Gewinne von dort nur wie eine Art Beteiligung. Daher fließt der Ertrag ins Finanzergebnis und taucht somit vor Zinsen und Steuern noch gar nicht auf. Bis Ende September lagen die anteiligen operativen Ergebnisse der chinesischen Joint Ventures stabil bei 3,8 (3,9) Milliarden Euro.

Vor einem Jahr hatte im dritten Quartal von VW ein Gewinn von 3,3 Milliarden Euro zu Buche gestanden. Die Rückstellungen für die millionenfachen Rückrufe von Dieselfahrzeugen wegen der Manipulation von Abgaswerten stockte Volkswagen leicht auf 6,7 Milliarden Euro auf. Im September hatte der Konzern die Summe von 6,5 Milliarden Euro genannt.

Matthias Müller will den Autobauer mit einem Fünf-Punkte-Plan fit machen für die Herausforderungen des Abgas-Skandals. Höchste Priorität genieße dabei die Hilfe für Besitzer manipulierter Diesel-Autos, sagte der Manager am Mittwoch per Mitteilung, die einer Telefonkonferenz vorausging. Die ersten Rückrufe sollen im Januar 2016 starten.

Punkt zwei sei die Aufklärung der Manipulationen. „Wir müssen die Wahrheit herausfinden und daraus lernen“, erklärte Müller. An dritter Stelle folge der Konzernumbau und das Sparprogramm. „Der Kernpunkt ist: Unser Konzern wird künftig dezentraler geführt“, sagte Müller und wiederholte damit Pläne, die VW bereits bekanntgegeben hatte. Marken und Regionen sollen eigenständiger agieren können. Zudem komme die Gewinnkraft aller gut 300 Fahrzeugmodelle auf den Prüfstand.

Punkt vier seien die Arbeitsatmosphäre und das Führungsverständnis im Unternehmen. Müller betonte: „Wir brauchen eine Kultur der Offenheit und der Kooperation.“ Er forderte im kollegialen Umgang miteinander zudem mehr Mut, mehr Kreativität und auch mehr Unternehmertum.

An fünfter Stelle verwies der Vorstandsvorsitzende auf den Ausbau der bisherigen Ziele für das Jahr 2018. Sie sollen zur „Strategie 2025“ werden. „Dem „Höher, Schneller, Weiter“ wurde vieles untergeordnet, vor allem die Umsatzrendite“, sagte Müller mit Blick auf die Rivalen Toyota und General Motors. Wichtiger als 100.000 Fahrzeuge mehr oder weniger als die Konkurrenz zu verkaufen, sei „qualitatives Wachstum“. Mitte nächsten Jahres will Müller die „Strategie 2025“ vorstellen.

Wegen der Belastungen muss der Vorstand um Müller die Jahresziele anpassen: Das operative Ergebnis des Konzerns und des Bereichs Pkw werde 2015 deutlich dem des Vorjahres liegen. Die operative Rendite des Konzerns solle vor Sondereinflüssen zwischen 5,5 und 6,5 Prozent liegen, die des Bereichs Pkw zwischen 6,0 und 7,0 Prozent. Bisher hatte Volkswagen diese Spanne ohne Herausrechnung von Sonderbelastungen in Aussicht gestellt.

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  • Richtig ist: Der Mensch neigt zu Übertreibungen. Richtig ist aber auch: Der Mensch neigt zum Kleinreden. Beides führt in gleicher Weise zu unrealistischen Bildern und Fehlentwicklungen.

    VW hat besonders dreist die Manipulationen ganz offenbar intern klein geredet. Das braucht man nun nicht groß zu reden. Aber wir müssen nun mal Luft einatmen und viele wurden bereits und werden noch davon sehr krank. Diese Folgewirkungen sind vollkommen "privatisiert". Bildlich gesprochen dürfen Firmen ihren Müll in privaten Gärten abladen und der Privatmann entsorgt diesen Müll auf seine Kosten inklusive der Sondermüllbehandlung.

    Daher haben wir Privatleute auch ein Recht darauf, dass dieser von uns zu tragende Müll begrenzt und künftig weitestgehend vermieden wird. Also muss wenigstens endlich die Wahrheit auf den Tisch und die richtigen Konsequenzen müssen gezogen werden.

    Zweifelsfrei erkennen andere Hersteller ebenfalls die Prüfzyklen und "optimieren" die Motorsteuerung. Ich weiß gar nicht, ob man das überhaupt größer reden kann als es tatsächlich ist, wenn man die Dimension dieses Betrugs an unserer Unversehrtheit betrachtet.

    Wer jetzt immer noch nicht begriffen hat, dass der Weg so schnell wie möglich weg von der fossilen Verbrennung führen muss, dem empfehle ich den Selbstversuch eines Spaziergangs an einer EURO-6 - befahrenen Straße durchzuführen. Die Autofahrer werden übrigens durch künstliche Gerüche im Fahrzeug sprichwörtlich an der Nase dieses Skandals vorbeigeführt.

    Ja, die Elektromobilität hat noch Schwächen, aber erstens werden diese Schwächen täglich geringer (das sage ich als Elektrofahrer seit 7 Jahren) und zweitens gibt es mit Erdgasmotoren seit langem eine kostengünstige und erheblich sauberere Alternative zu Benzin und Diesel. Aber alle haben an dem kollektiven Wahnsinn der Vergiftung und des Raubbaus unserer Umwelt wie dumme Lemminge mitgemacht.

    Nein, diesen Skandal klein zu reden ist bestimmt keine Alternative.

  • Keine Frage: es ist ein Skandal! Geschuldet der "Fürungskultur" bei VW, alle wußten es, bis auf natürlich dem königlichen Vorstand....
    Jedoch muß man unterscheiden: Sicherlich der Großteil der Käufer der Fahrzeuge hat bei der Kaufentscheidung null auf Nox oder andere Emissionswerte geschaut...die Grenzen dafür legen z.T. unrealischtisch ideologiegetriebene Politiker fest, die unabhängig vom Interesse des Großteiles der eigentlichen Kunden agieren. Ansatz und Trend nach Umweltfreundlichkeit ist Lobenswert aber Deutschland und Europa retten damit nicht die Welt...DIE nämlich sieht ganz ganz anders aus, wenn man mal in Massenmärkten wie Indien oder China unterwegs war und gesehen hat, wie da die Luft sprichwörtlich aussieht....da sorgen (neuere) Autos aus Deutschland eher für sauberere Luft (trotz der für europäische Verhältnisse zu hohen Emissionswerte)
    Nochmal: Keine Frage, dass VW richtig Mist gebaut und betrogen hat. Dafür wird der Konzern auch bluten. Die reißerische Berichterstattung darüber ist aber nicht objektiv!

  • Nun, ich mag Nestbeschmutzer wirklich nicht. In diesem speziellen Fall handelt es sich aber um qualifizierten Betrug und arglistiger Täuschung.
    Dutzende Mitarbeiter wussten von dem millionenfachen Betrug. Durch üppige Prämienzahlungen und überhöhten Gehältern wurden sie zum Schweigen gebracht. Zusätzlich hält Niedersachsen noch ein grosses Aktienpaket.
    Wenn das kein Skandal ist.

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