Volkswagen – Verlierer des Jahres
Der Absturz vom Olymp

Am Jahresanfang schien Volkswagen unverwundbar, zum Jahreswechsel ist der Konzern mehr als angeschlagen. Damit sind die Wolfsburger der Verlierer des Jahres. Wie konnte es nur dazu kommen?
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WolfsburgWer in diesen Tagen vom überschaubaren Wolfsburger Bahnhof rüber zum riesigen Werk blickt, der wird kaum einen Unterschied zur Vorweihnachtszeit des Jahres 2014 feststellen. Das Kraftwerk zeigt sich nachts immer noch in rot, am vierten Advent werden alle vier Schornsteine wie Kerzen auf dem Kranz leuchten. Gut zwei Kilometer weiter westlich ist das markante Hochhaus immer noch eingerüstet, jetzt nur etwas weniger als vor einem Jahr. Und die Bahn bringt noch immer jeden Tag mehrere hundert Fahrgäste mit Einfachticket in die Stadt. Aus deren Rucksäcken ragen die Nummernschilder ihres neuen Autos, das sie an diesem Tag wie die Geburt eines Kindes erwarten.

Doch Wolfsburg Ende 2015 ist der unveränderten Optik zum Trotz nicht mehr die Stadt wie vor einem Jahr. Der Volkswagen-Konzern, der eigentliche Sinn dieser noch nicht mal 80 Jahre alten Ansiedlung, ist in den vergangenen zwölf Monaten in die größte Krise seiner Geschichte geraten. Mit ungewissem Ausgang der wirtschaftlichen und finanziellen Folgen. An deren Ende könnte ein völlig anderer Konzern stehen.

Dabei begann das Jahr mit einem Rekord. Mehr als zehn Millionen Autos hatte man im Jahr 2014 verkauft. Die Marke, die eigentlich erst für 2018 angepeilt war, war vier Jahre vorher schon erreicht. Martin Winterkorn, der Chef, war auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Ein Nachfolger für den damals 67-Jährigen war nicht mal mit dem Fernglas zu erkennen. Klar, im Verlauf des Jahres sollte der Ex-BMW-Manager Herbert Diess die Marke VW übernehmen, Winterkorn sollte sich rein auf den Konzern konzentrieren. Das war Monate vorher beschlossen und Teil einer Strategie, die ohnehin eine Neuaufstellung der Konzernstruktur vorsah. Mehr Macht bei den Marken und in den Regionen, darüber eine Holding, von der aus Winterkorn wie bisher schon die Fäden ziehen sollte.

Und über ihm wie seit vielen Jahren von Salzburg aus der allmächtige Patriarch Ferdinand Piëch. Ein über mehr als drei Jahrzehnte gewachsener Männerbund, der sich der Legende nach einst in den frühen Achtzigern beim Spanisch-Kurs kennenlernte. Und seither den Konzern zum beinahe größten Autobauer der Welt machte. Nur noch 90.000 Autos trennten die Wolfsburger von Toyota. Das sollte in diesem Jahr aufzuholen sein.

Es sind manchmal feine Nuancen, auf den ersten Blick kaum erkennbar und Außenstehenden der VW-Welt ohnehin nicht vermittelbar, die radikale Brüche einleiten. Es ist Anfang März, in Genf findet wie jedes Jahr um diese Zeit der Auto-Salon statt. Und Volkswagen feiert am Abend zuvor ebenso traditionell den „Konzernabend“ mit gut 1500 geladenen Gästen. Alle Markenchefs dürfen mit den neuesten Produkten ihres Hauses auf der Bühne vorfahren und ein paar Worte dazu sagen, nach gut anderthalb Stunden geht es zum gemütlichen Teil über. Ferdinand Piëch und Gattin Ursula verschwinden schnell, das Getümmel in der überfüllten Halle Secheron sei beiden zu groß gewesen, heißt es kurz.

Am nächsten Tag schlendern beide strammen Schrittes über die Messe. Menschen springen zur Seite. Wie bei einer Parade werden die Stände der einzelnen Konzernmarken abgenommen. Die Markenchefs warten überall auf das Paar, die Stimmung ist merklich angespannt. Hier zeigt jemand, wer der wahre Chef im Hause ist, so der Tenor hinterher.

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  • Herr Pötsch als seines Zeichens derzeit amtierender Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG nennt als Ursache der Abgasaffäre, "dass sich eine kleine Gruppe von Mitarbeitern in einem bestimmten Fall nicht in der Lage gesehen hat, bei einem Projekt Kosten und Zeitplan einzuhalten - und sich deshalb zu inakzeptablen Handlungen verleiten ließ" (Balzli/Doll/Vetter: "Die Kernwerte der Marke Volkswagen beschädigt", in: Die Welt v. 21.12.2015). An dessen Aussage kann sehr anschaulich abgelesen werden, welch horrende Schäden selbst noch den größten Industrieunternehmen eintreten, sobald auch nur einige wenige seiner Betriebsangehörigen ihr Handeln nicht notwendig an den längst geänderten Voraussetzungen sozialer Effizienz ausrichten und welch geringe Fehlertoleranz tatsächlich herrscht. Es könnte somit einfältiger nicht sein, wenn Gewerkschafter wie der gegenwärtige Erste Vorsitzende der IG Metall und künftige stellvertretende Vorsitzende des VW-Aufsichtsrates, Hofmann, fiktiv einen hohen "Kostendruck" reklamieren, wenn realiter die natürlichen Gegebenheiten ohnehin bereits einen strukturell unabänderlich bestehenden Engpass für profitables Wirtschaften bedeuten, der in Wahrheit von Menschenhand darüber hinaus nicht verkleinert werden kann. Kürzer gesagt: Um des eigenen Vorteils willen beteiligt sich sogar die Spitze der in Europa mitgliederstärksten Einzelgewerkschaft nach wie vor an den staatsanwaltschaftlich als Betrug inkriminierten Machenschaften und erschwert im Zuge von solch vorsätzlichen Missdeutungen jedweder Wirklichkeit deren Ermittlungen immens.

  • Der Verlierer ist nicht Volkswagen, sondern die Deutsche Gesellschaft.
    Die Deutsche Gesellschaft sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass diese Grün-Sozialistische Umwelthilfe und die Lobby von Greenpeace und WWF und BUND die Totengräber der Freiheit der Gesellschaft und der Marktwirtschaft = Gesellschaft sind. Wer eine CO2 freie Gesellschaft will, wie diese die Grün-Sozialistische Merkel Regierung propagiert, der will die Abschaffung der Deutschen und Europäischen Industrie = Volkswirtschaft und damit den Wohlstand für uns EU-Deutschen Bürger.
    Energiewende/EEG = erst kommt die Lüge, dann der Betrug danach der Mangel und zum Schluss die Armut!

  • Ja, Frau Merkel hat VW den Rang abgelaufen.
    Aber zurück zum Thema VW: Wieder ein klares Beispiel für die selektive Rechtsanwendung unserer amerikanischen Freunde. Hallo VW, willkommen im Club. Toyota, Deutsche Bank + Siemens lassen grüßen. So what?

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