0 Bewertungen
23.04.2008 
Vor Hauptversammlung

Volkswagen vermeldet Gewinnsprung

Kurz vor der mit Spannung VW-Hauptversammlung legt Europas größter Autobauer dank gestiegener Fahrzeugverkäufe einen Gewinnsprung hin. Erstmals setzten die Wolfsburger in China mehr Automobile ab als in Deutschland - der Zuwachs auf dem Heimatmarkt fiel dagegen vergleichsweise mager aus. Anleger zeigten sich trotz des Gewinnanstiegs nicht begeistert.

Die Hauptversammlung von VW wird mit Spannung erwartet. Foto: ap Lupe

Die Hauptversammlung von VW wird mit Spannung erwartet. Foto: ap

HB WOLFSBURG. Unter dem Strich verdiente Europas größter Automobilbauer im ersten Quartal 929 Mill. Euro im Vergleich zu 740 Mill. Euro im Vorjahr, wie die Wolfsburger am Mittwoch mitteilten. Das waren 25,6 Prozent mehr als von Januar bis März 2007. Dabei profitierte der Dax-Konzern wegen der Unternehmenssteuerreform auch von niedrigeren Abgaben an den Fiskus. Getrieben von guten Absatzzahlen erlöste Volkswagen im ersten Jahresviertel 27,01 Mrd. Euro im Vergleich zu 26,64 Euro im Vergleichszeitraum. Das Ergebnis vor Steuern erhöhte sich von Januar bis März um 28 Prozent auf 1,366 Mrd. Euro. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit 1,38 Milliarden gerechnet. Deutlich geringer kletterte der Umsatz um 1,4 Prozent auf 27 Mrd. Euro im Vergleich zu 26,64 Euro im ersten Quartal 2007. Bis Jahresende will der Automobilbauer den Vorjahresumsatz von 108,9 Mrd. Euro übertreffen.

Beim operativen Ergebnis legte der Konzern im ersten Quartal um 20,9 Prozent auf 1,311 Mrd. Euro (Vorjahr: 1,085) zu. Im Gesamtjahr will Volkswagen das Ergebnis des Vorjahres von 6,2 Mrd. Euro weiter verbessern.


In der Donnerstagsausgabe des Handelsblattes finden Sie ein umfangreiches Dossier zum Thema Volkswagen

Ungeachtet der Sorgen um die US-Konjunktur sieht sich der Wolfsburger Konzern auf einem guten Weg, in diesem Jahr mit Marken wie VW, Audi, Skoda, Seat, Bentley, Lamborghini den Rekordabsatz des Vorjahres zu übertreffen. Im Vorjahr hatte der Automobilbauer weltweit rund 6,2 Mill. Fahrzeuge ausgeliefert. Bis 2011 will der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn acht Mill. Pkw und Nutzfahrzeuge verkaufen.

Im ersten Jahresviertel hatte Volkswagen mit 1,57 Mill. Pkw mehr Fahrzeuge weltweit abgesetzt als je zuvor. Trotz weniger Arbeitstagen übertraf der Konzern damit den Vorjahreswert um 7 Prozent. Getrieben wurde das Wachstum von aufstrebenden Märkten wie China, Brasilien, Russland und Indien. Erstmals setzten die Wolfsburger in China mehr Automobile ab als in Deutschland. Dagegen fiel der Zuwachs auf dem Heimatmarkt mit 2,6 Prozent vergleichsweise mager aus. In den USA verkaufte VW 0,7 Prozent Fahrzeuge weniger als im Vorjahreszeitraum.

Die Erträge aus den chinesischen Joint Ventures fließen ebenso wie die aus den Beteiligungen an den Nutzfahrzeugherstellern MAN und Scania in das Finanzergebnis ein, während sich die Erträge des Europa-Geschäfts im operativen Ergebnis wiederfinden.

Zudem hat Volkswagen bekräftigt, die Anteile am schwedischen Nutzfahrzeughersteller auf 68,6 Prozent zu erhöhen. Bislang fehlt noch die Zustimmung der Kartellbehörden. Anfang März hatte der Wolfsburger Konzern bereits angekündigt, die Mehrheit an Scania zu übernehmen

Die Aktie gab dennoch um zeitweise mehr als vier Prozent nach und zählte zu den größten Verlierern im Dax. Händler fanden zunächst keine Erklärung dafür. Das VW-Papier hatte den Kursrutsch an den Börsen zuletzt allerdings auch vergleichsweise unbeschadet überstanden und notiert noch immer recht nah an seinem Jahreshoch.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Showdown auf der Hauptversammlung: Machtkampf bei Volkswagen

Am Donnerstag in Hamburg treffen die unterschiedlichen Interessen der beiden Großaktionäre mit voller Wucht aufeinander. Die Fronten sind verhärtet: Porsche will den starken Einfluss Niedersachsens beschränken, das Land stemmt sich vehement dagegen. Bei VW geht es beim Aktionärstreffen und in den Wochen und Monaten danach mit harten Bandagen um die künftige Machtverteilung.

Porsche hält derzeit knapp 31 Prozent an VW und hat angekündigt, die Mehrheit zu übernehmen. Vorstandschef Wendelin Wiedeking will eine der "innovativsten und leistungsstärksten Automobil-Allianzen der Welt" schaffen und vor allem die VW-Profitabilität verbessern. Die Messlatte sei Toyota. In der Automobilindustrie gehe es um Sein oder Nichtsein, der Feind sei "draußen in der Welt zu suchen".

Doch zunächst tobt eine interne Schlacht um die Hackordnung in der künftigen Porsche/VW-Welt. Einst als Retter von VW gefeiert, der einen Einstieg von "Heuschrecken" verhindert habe, gilt Wiedeking bei vielen in Wolfsburg inzwischen als Buhmann. Der Chef des Sportwagenbauers mache so ziemlich alles falsch und fahre die Übernahme gegen die Wand, lautet der Vorwurf hinter den Kulissen. "Porsche läuft seit Jahren mit einer dicken Hose herum und läuft Gefahr, bei der Hauptversammlung nackt dazustehen", heißt es in Konzernkreisen.

Wiedeking stört vor allem der starke Einfluss Niedersachsens und des VW-Betriebsrats. Ein an das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) angepasstes VW-Gesetz sei überflüssig, wetterte Wiedeking und sprach von "heiligen Kühen". Damit ging er auf Konfrontationskurs zu den Arbeitnehmervertretern und Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff, die ihre besonderen Rechte bei VW mit aller Macht verteidigen wollen.

Beim Aktionärstreffen beantragt Porsche als Reaktion auf das EuGH - Urteil in der VW-Satzung, die für wichtige Entscheidungen auf der Hauptversammlung nötige qualifizierte Mehrheit von derzeit 80 Prozent auf 75 Prozent zu senken. Dies richtet sich vor allem gegen das Land Niedersachsen, das knapp über 20 Prozent an VW hält und damit eine Sperrminorität innehat. Das Land wiederum hat einen Gegenantrag gestellt, in dem es fordert, die Sperrminorität beizubehalten. Aus Sicht Porsches hat der EuGH diese Regelung gekippt, das Land wiederum sieht dies anders. Zudem sei die VW-Satzung aktienrechtskonform.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wulff gibt sich kämpferisch

Am Wochenende sorgten Meldungen für Aufsehen, Porsche habe ausgelotet, ob das Land zum Verkauf von Aktien an den Sportwagenbauer bereit sei. Angeblich soll es um die Hälfte der niedersächsischen VW - Aktien im aktuellen Wert von rund fünf Mrd. Euro gegangen sein. Wulff aber lehnt den Verkauf von VW-Anteilen vor allem wegen der Bedeutung des Unternehmens als mit Abstand größter Arbeitgeber in Niedersachsen kategorisch ab. Auch eine teure Aufstockung sei nicht nötig, lautet die Argumentation der Staatskanzlei. Angesichts der geringen Präsenz auf der VW-Hauptversammlung erreiche das Land faktisch immer eine Sperrminorität auch von 25 Prozent.

VW müsse selbstständig bleiben, fordert Wulff - und gibt sich kämpferisch: "Wir werden alles dafür tun, eine Verlagerung des Konzernsitzes Wolfsburg, eine Zerschlagung oder eine vollständige Eingliederung des Konzerns in eine Porsche-Holding zu verhindern." Das Auftreten von Porsche gehe "übers Ziel hinaus".

Auf der Hauptversammlung dürften sich die beiden Großaktionäre gegenseitig blockieren, so dass kein Antrag die notwendige Mehrheit erreicht. Es bliebe beim Status quo. Dies wiederum könnte Porsche Anlass geben, den Weg vor Gericht zu suchen, wie es im Konzernumfeld heißt.

Ein juristisches Tauziehen droht auch in dem seit Monaten tobenden Streit um die Mitbestimmungsvereinbarung der Porsche-Holding, deren Teil VW nach einer Übernahme sein wird. Aus Sicht des VW-Betriebsrats geht die Vereinbarung zu Lasten der VW-Belegschaft. Betriebsratschef Bernd Osterloh sprach bereits von einer "feindlichen Übernahme" und will grundlegende Änderungen. Porsche lehnt dies ab. Am 29. April verhandelt das Stuttgarter Arbeitsgericht über eine Klage des VW - Betriebsrats gegen die Vereinbarung. Osterloh begrüßt zwar grundsätzlich den Einstieg Porsches bei VW - Wiedeking aber ist für ihn ein "Marktradikaler", für den nur die Rendite zähle.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Eick löst Middelhoff als Arcandor-Chef ab  Artikel in Merkliste

Das ist ein Paukenschlag in der deutschen Unternehmenslandschaft: Der Noch-Finanzvorstand der Deutschen Telekom, Karl-Gerhard Eick, wird neuer Vorstandschef des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor. Das erfuhr das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen. Was aus dem aktuellen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wird, ist noch unklar. Artikel


Anzeige