Volkswagen
VW in Chinas wildem Westen

Chinas Westen glänzt mit Wachstumsraten. VW will hier jährlich 50.000 Autos produzieren. Der Aufschwung soll soziale Konflikte lindern. Damit gerät VW allerdings zwischen die Fronten eines ethnischen Konflikts.
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UrumqiDie Bulldozer sind schon da: Ganz im Westen Chinas, am Rande der sandigen Ödnis der dsungarischen Tiefebene, schieben schwere Baumaschinen haushohe Dünen weg, um einen glatten Bauplatz zu schaffen. Arbeiter mit Schaufeln heben die Gräben für die Wasserrohre aus.

Der Bauherr ist ein westlicher Konzern. Volkswagen will hier schon in wenigen Monaten jährlich 50.000 Autos produzieren. Doch heute reicht der unverstellte Blick noch über eine wilde Landschaft aus Sträuchern und Felsen bis zu den "Himmelsbergen", deren schneebedeckte Gipfel sich über die Ebene erheben.

Mit dem Auto dauert es eine halbe Stunde bis nach Urumqi, dem Regierungssitz der Autonomen Region Xinjiang.

Rund um die Uhr patrouillieren Soldaten und Polizisten die Innenstadt von Urumqi. Sie tragen Splitterwesten und sind mit Sturmgewehren bewaffnet wie für einen Krieg.

Immer wieder kam es hier in der Vergangenheit zu Gewalt zwischen islamistischen Uiguren und Han-Chinesen. Der Konflikt reicht viele Generationen zurück. Seit die chinesischen Kaiser diesen Teil Zentralasiens Mitte des 18. Jahrhunderts an ihr Reich anschlossen, haben die Uiguren das Gefühl, unter fremden Herrschern zu leben.

Eine von ihnen ist Nadjya. Die 35-Jährige sitzt, wie alle Gäste in dem orientalischen Restaurant, auf einem bestickten Kissen. Es ist kühl und halbdunkel, der Raum ist mit Vorhängen abgeteilt. Auf dem Tisch duftet eine Kanne mit Minztee. Wie alle Uiguren sieht Nadjya nicht chinesisch aus, sondern europäisch-zentralasiatisch. In Deutschland würden die Leute sie für eine türkische Schönheit halten.Nadjya ist in Urumqi geboren, ihre Eltern haben noch als einfache Arbeiter gearbeitet. Die Tochter konnte als Erste in der Familie in Peking studieren. Uiguren der Mittelklasse wie Nadjya kennen die Welt und sind die Rückständigkeit ihrer Heimat leid. "An Investoren wie VW ist erst mal nichts Schlechtes." Der Aufschwung in der Region mindere die sozialen Unterschiede.

Die junge Frau hat große Pläne, sie will ihren mäßig bezahlten Bürojob in eine Staatsfirma bald verlassen und sich mit einem eigenen Geschäft selbstständig machen. "Das Wachstum kommt allen hier zugute", sagt sie. "Es ist überfällig, mehr Arbeitsplätze gerade für die jungen Leute zu schaffen."

Auch andere Uiguren heißen Volkswagen hier willkommen. Doch es bleiben Zweifel. Der Weltkongress der Uiguren mit Sitz in München warnt davor, dass die Arbeitsplätze in dem neuen Werk vor allem den Han-Chinesen zugutekommen. "Bitte lassen Sie auf jeden Fall den Vertrag dahin gehend nachbessern, dass mindestens 40 Prozent der Beschäftigten im neuen VW-Werk Uiguren sein müssen, weil die Han-Chinesen den Uiguren sonst auch hier keine Jobs geben und sie weiter in die Armut treiben", schreiben die Interessenvertreter an den VW-Betriebsrat. Deutsche Politiker wie die Grünen-Abgeordnete Viola von Cramon äußern ähnliche Sorgen.

Die Bedenken sind begründet. Bei den großen Firmen vor Ort wie Coca-Cola oder dem Windkrafthersteller Goldwind arbeiten jedenfalls überwiegend Chinesen. Uigurische Mitglieder der Kommunistischen Partei vor Ort erklären, dass dies am unterschiedlichen Hintergrund der beiden Ethnien liegt.

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