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06.03.2007 
Inside: Daimler-Chrysler

Vor der Zerreißprobe

von M.-W. Buchenau

Seit knapp zwanzig Jahren versucht man bei Daimler, wichtige Entscheidungen so vorzubereiten, dass sie von den Arbeitnehmern mitgetragen werden können. Doch dies wird immer schwierieger, denn angesichts der Chrysler-Verkaufspläne verhärten sich die Fronten zwischen Management und Arbeitnehmervertretung zunehmend.

STUTTGART. In der vergangenen Woche wurde nur Dank der Doppelstimme von Aufsichtsratschef Hilmar Kopper die Kooperation von Chrysler mit dem chinesischen Autobauer Chery abgesegnet. Danach sollen Fahrzeuge in China gebaut und unter der Marke Dodge verkauft werden. Die Arbeitnehmerbank hat geschlossen gegen die Kooperation gestimmt.

Der stellvertretende Aufsichtsratschef und Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm und UAW-Chef Ron Gettlefinger machen damit gemeinsam Front gegen Vorstandschef Dieter Zetsche. Klemm sagt es zwar nicht, aber nach diesem Votum dürfte ein Verkauf Chryslers an einen chinesischen Interessenten nahezu ausgeschlossen sein.

Es lohnt ein Blick zurück. Seit Jahren hat es keine Kampfabstimmung mehr im Daimler-Aufsichtsrat gegeben. Eines der prominentesten Beispiele war die damals überraschende Ernennung von Werner Breitschwerdt 1983 zum Vorstandschef. Nach dem plötzlichen Tod des Vorstandsvorsitzenden Gerhard Prinz waren Finanzchef Edzard Reuter und Produktionschef Werner Niefer die ersten Anwärter auf den Posten des Daimler-Chefs.

Die Wahl fiel aber auf Breitschwerdt. Für ihn hatte sich der damalige Sprecher des Großaktionärs Deutsche Bank und Daimler-Benz-Aufsichtsratsvorsitzende Wilfried Guth ausgesprochen – gegen das geschlossene Votum der Arbeitnehmer. Die Personalentscheidung blieb auch in den folgenden Jahren umstritten. Sie provozierte einen Machtkampf zwischen Breitschwerdt und Reuter, der den Konzern fast zerriss. Breitschwerdt gab 1987 entnervt auf.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zetsche hat seine Sympathie bei vielen Beschäftigten verspielt.

Seither werden derartige Entscheidung im Konzern sehr kritisch gesehen. Normalerweise werden wichtige und weitreichende Dinge so sorgfältig vorbereitet, dass die Arbeitnehmer sie irgendwie mittragen können. Das gelang diesmal offensichtlich nicht. Während Zetsches Vorgänger Jürgen Schrempp nach außen hart wirkte, aber intern immer den Konsens mit den Arbeitnehmern suchte, herrscht jetzt ein anderer Stil. Zetsche nimmt auf Befindlichkeiten der Gegenseite weniger Rücksicht – er geriert sich eher wie ein amerikanischer Manager.

Damit wird auf beiden Seiten jetzt mehr als nur mit den Muskeln gespielt. Klemm will den Eindruck erst gar nicht aufkommen lassen, dass er nur Erfüllungsgehilfe von Zetsche ist. Die Arbeitnehmer haben signalisiert, dass es Grenzen gibt, die sie nicht zu überschreiten bereit sind. Tausende Stellen bei Chrysler abzubauen und gleichzeitig Fahrzeuge in China zu kaufen, das können Klemm und noch weniger Gettlefinger ihren Gefolgsleuten vermitteln.

Die Überstunden in der Buchhaltung zu verweigern, war der erste Warnschuss für Zetsche. Jetzt folgte der zweite. Es knackt im Gebälk. Zetsche hat mit dem Abbau von über 15 000 Stellen bei Mercedes und in der Verwaltung tief geschnitten. Er ist mit vielen Vorschusslorbeeren angetreten, die bei den Beschäftigten wohl inzwischen verwelkt zu sein scheinen. Zwar läuft Mercedes wieder auf Touren, aber aus der Chrysler-Bredouille kommt er nicht mehr ohne Schrammen raus.

Süffisant ist Klemms Hinweis, dass die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat die Entscheidung über die Zukunft von Chrysler danach bewerten werden, was sie für die Sicherheit der Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Atlantiks bedeuten wird. Wenn schon die Abstimmung über eine Kooperation von Chrysler zum höchsten Grad der Verstimmung zwischen Kapitalseite und Arbeitnehmerseite geführt hat, dürfte die Entscheidung über eine Trennung von Chrysler für Zetsche erst recht zur Zerreißprobe werden.

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