Vor neuer Sparrunde fürchten die Zulieferer die Marktmacht von Europas größtem Autokonzern
VW verliert an Vertrauen bei den Zulieferern

Der Volkswagen-Konzern hat in den vergangenen zwei Jahren drastisch an Vertrauen bei seinen Zulieferern verloren. Das ist das Ergebnis der jüngsten Branchenumfrage der Forschungsstelle Automobilwirtschaft der Universität Bamberg, die dem Handelsblatt vorliegt. Das Institut fragt alle zwei Jahre die Zufriedenheit von 971 Zulieferern mit den großen deutschen Autokonzernen ab.

HB DÜSSELDORF. „Wenn die Unzufriedenheit bei den Zulieferern steigt, dann ist der Unternehmenserfolg gefährdet“, bewertet Professor Wolfgang Meinig die Ergebnisse. Demnach sind die Zulieferer vor allem mit der Preispolitik von Europas größtem Autohersteller unzufrieden. Der Konzern nutze seine herausgehobene Marktmacht immer stärker aus, honoriere aber immer seltener Vorleistungen und sei am wirtschaftlichen Erfolg seiner Lieferanten kaum noch interessiert. „Die Schmerzgrenze für viele Lieferanten ist erreicht“, folgert Meinig. Die Ergebnisse kommen für VW zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Konzern ist durch die Affäre um Schmiergeldzahlungen geschwächt, die Kernmarke Volkswagen schreibt Verluste. Um das Ruder herumzureißen, hat VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard am Mittwoch dieser Woche angekündigt, „jeden Stein umdrehen zu wollen“.

Neben Einsparungen in Vertrieb, Verwaltung und Produktion soll insbesondere der 60 Mrd. Euro schwere Beschaffungshaushalt des Gesamtkonzerns gekürzt werden. So will Bernhard allein bei der Marke VW bis 2008 noch einmal drei Mrd. Euro bei den Zulieferern einsparen. Zudem könnten einige Lieferanten dem Rotstift ganz zum Opfer fallen. Trotz der drastischen Einschnitte soll die Qualität aber verbessert werden. Eine Gratwanderung: Schließlich hat VW in der jüngsten Qualitätsumfrage des renommierten US-Marktforschungsinstituts J.D. Powers katastrophal abgeschnitten.

Offiziell hält sich die deutsche Zulieferindustrie mit Aussagen zu der neuen Preisrunde zurück. „Wir sind in permanenten Gesprächen mit allen Kunden“, heißt es etwa bei ZF Friedrichshafen. Auch bei Bosch will man „keine Aussagen zu Geschäftsbeziehungen mit Kunden treffen.“ Continental-Chef Manfred Wennemer mahnte jüngst im Handelsblatt-Gespräch mehr Fairness gegenüber den Zulieferern an, ohne allerdings ein Unternehmen beim Namen zu nennen. Inoffiziell bestätigt aber ein großer deutscher Zulieferer, dass VW auch bei bereits bestehenden Verträgen permanent Nachforderungen stelle. „Das hat eine neue Qualität“ heißt es in der Branche. Jetzt warten die Zulieferer auf ein neues Zusammentreffen mit VW-Managern in Wolfsburg, das eigentlich schon Anfang Juli hätte stattfinden sollen.

„Die Zulieferindustrie soll die Zeche für eine verfehlte Konzernpolitik zahlen“, sagt Meinig. Volkswagen habe sich durch großzügige Beschäftigungsgarantien in seinen deutschen Stammwerken Spielräume für eigene Sparanstrengungen genommen. „Wer als Zulieferer kann, sucht Wege sich diesem Druck zu entziehen und versucht zu einem anderen Abnehmer zu wechseln“, sagt Meinig. Doch auch der Rest der Branche versucht laut Studie, die Preise seiner Lieferanten zu drücken. Vor allem in der Frühphase neuer Projekte übten die Hersteller immer größeren Druck aus. So habe insbesondere die Praxis der „spontan eingeforderten Festbeträge“ in der Ausschreibungsphase zugenommen. Solche Beträge orientierten sich an der erwarteten Leistungskraft des Zulieferers und würden als eine Art Eintrittsgeld für neue Geschäfte abverlangt. „Viele Zulieferer interpretieren zu Recht diese Spontan-Zahlungen ohne Aussicht auf Gegenleistung als eine versteckte ‚Schmiergeldzahlung', um überhaupt an einen Auftrag zu herankommen“, folgert Meinig.

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