VW-Aktien
Merckle droht der Absturz

Die Finanznot der Ulmer Unternehmerfamilie Merckle ist offenbar noch weitaus größer als bisher bekannt. So gehört die Merckle-Holding VEM nach Informationen der Agentur Bloomberg zu jenen Investoren, die auf fallende VW-Kurse spekulierten, aber durch den steilen Anstieg in Bedrängnis geraten sind. Jetzt soll ein Überbrückungskredit notwendig werden.

FRANKFURT. Die Merckle-Holding VEM soll laut Nachrichtenagentur Bloomberg mit drei Dutzend Banken über einen dringend erforderlichen Überbrückungskredit verhandeln Ludwig Merckle, Geschäftsführer der VEM, wollte sich zu diesen Informationen am Sonntag konkret nicht äußern. Er sagte dem Handelsblatt lediglich: „Wir versuchen, das alles in die richtige Bahn zu bekommen.“

Das deutet darauf hin, dass die Gruppe über die ohnehin angespannte Situation bei ihrer Mehrheits-Beteiligung Heidelberg Cement hinaus zusätzlich unter Druck geraten ist. Desinvestments wie der Verkauf ihrer Pharmatochter Ratiopharm sollen nun Geld in die Kasse spülen. Über entsprechende Überlegungen hatte das Handelsblatt bereits am Freitag berichtet.

Die Finanzstruktur der Merckle-Gruppe lässt sich von außen nur ansatzweise erfassen. Die drei wichtigsten Holdingfirmen der Gruppe – Kötitzer Leder, Spohn Cement und VEM – hatten für Ende 2006 externe Verbindlichkeiten von insgesamt drei Mrd. Euro ausgewiesen, bedingt unter anderem durch die Mehrheitsübernahme bei Heidelberg Cement, an der Merckle heute knapp 80 Prozent hält. Rund eine Mrd. Euro an Finanzschulden dürften seither durch den Kauf weiterer Heidelberg-Cement-Anteile hinzugekommen sein.

So hat VEM 2007 und 2008 zwei Kapitalerhöhungen bei dem Baustoffkonzern über jeweils ein halbe Mrd. Euro gezeichnet. Hinzu kommen nun offenbar Verbindlichkeiten aufgrund von VW-Fehlspekulationen. Nach Informationen aus Finanzkreisen soll es dabei um eine Summe von mehr als einer Mrd. Euro gehen.

Betrachtet man das Merckle-Imperium als Konzern, müsste man neben den Holding-Verbindlichkeiten rund zwölf Mrd. Euro Finanzschulden von Heidelberg Cement sowie Verbindlichkeiten der Phoenix Pharmahandels-Gruppe mit einbeziehen, die in den vergangenen Jahren ebenfalls durch eine Reihe von Zukäufen expandierte.

Die Merckle-Gruppe präsentiert sich damit als ein Konglomerat mit 35 Mrd. Euro Umsatz und vermutlich deutlich mehr als 16 Mrd. Euro Finanzschulden. Gemessen an ihrer Ertrags- und Finanzkraft gehört sie zu den am höchsten verschuldeten Großunternehmen in Deutschland. Sowohl Heidelberg Cement als auch Phoenix dürften derzeit kaum überschüssige Liquidität generieren, die zur Tilgung von Krediten genutzt werden kann. Heidelberg Cement weist für die ersten neun Monate 2008 einen negativen Free-Cash-Flow (operativer Mittelzufluss nach Sachinvestitionen und Zinsen) aus.

Als attraktivstes Objekt für mögliche Desinvestitionen gilt die Pharmagruppe Ratiopharm mit zuletzt 1,8 Mrd. Euro Umsatz. Allerdings hat Merckle den günstigsten Zeitpunkt für einen Verkauf dieses Generikaherstellers wohl verpasst. Denn die Finanz- und Börsenkrise der letzten Monate ist auch am Generikasektor nicht spurlos vorüber gegangen. Die Bewertungen für börsennotierte Branchenvertreter haben sich um 20 bis 50 Prozent reduziert. Außerdem hat sich das as geschäftliche Umfeld seit Mitte 2007 eher verschlechtert, etwa durch staatlich verordnete Preissenkungen in England und den Rabattwettbewerb der deutschen Krankenkassen. Im Falle eines Verkaufs von Ratiopharm dürfte es Merckle daher eher schwerfallen, einen ähnlich guten Preis wie bei früheren Transaktionen in der Branche zu erzielen.

Ein Verkauf von Heidelberg Cement-Aktien wäre nach dem jüngsten Kurseinbruch wohl nur mit Verlust möglich. Bei der Mehrheitsübernahme im Jahr 2005 zahlte Merckle 60 Euro je Heidelberg-Cement-Aktie, bei den zuletzt erfolgten Kapitalerhöhungen mehr als 100 Euro. In der Summe dürfte er damit seit 2005 rund 5,5 Mrd. Euro in den Baustoffkonzern investiert haben. Auf Basis des aktuellen Kurses von 51 Euro repräsentiert seine gesamte Beteiligung (einschließlich der 12,8 Prozent, die er schon vor 2005 hielt) nur noch einen Wert von 5,1 Mrd. Euro.

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