VW-Chef Pitschetsrieder warnt vor zu großer Euphorie
Auto-Motor China mit ersten Warnzeichen

Vor einigen Jahren galt Südamerika als Goldgrube der Automobilindustrie, nun müssen die Konzerne Millionen für die Stillegung von Fabriken zahlen. Ähnliches könnte der Branche auch in China drohen.

HB TOKIO. Der enorme Wirtschaftsaufschwung in China hat das Reich der Mitte zum Mekka der internationalen Autoindustrie gemacht. 2002 stieg die Zahl der verkauften Personenwagen sprunghaft um 56 Prozent auf 1,1 Mill. Stück. In den ersten acht Monaten dieses Jahres expandierte der PKW-Markt noch einmal um 69 Prozent. Angesichts gesättigter Märkte in Japan, Westeuropa und Nordamerika wirkt China deshalb wie ein Magnet auf die Manager der weltweit operierenden Autokonzerne.

Doch der Drang, zunehmend mit dortiger Produktion die expandierende Nachfrage zu befriedigen und die eigene Stellung zu festigen, lässt die ersten dunklen Wolken am Autohimmel aufziehen. In China könnte in zehn Jahren eine ähnliche Situation entstehen wie in Brasilien, warnte bereits VW-Chef Bernd Pischetsrieder im Vorfeld der Tokioter Automesse. Mit diesem Hinweis mahnt der VW-Vorstandsvorsitzende auch die Wettbewerber, die Realitäten nicht aus den Augen zu verlieren.

Auch das lateinamerikanische Land galt vor einigen Jahren noch als Eldorado des Automobils. Von VW über Fiat und General Motors wollte man an diesem Boom teilhaben. Die mit Milliarden hochgezogenen Fertigungskapazitäten waren am Ende aber doppelt so hoch wie die Nachfrage. Mit viel Geld müssen nun - auch bei VW - Fabriken wieder geschlossen werden.

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd Gottschalk, spricht von China dennoch als „Rakete“ im internationalen Autogeschäft. Auch für die deutschen Autohersteller sei dies der entscheidende Brückenkopf, um die Aufteilung der Märkte in Asien erfolgreich bestehen zu können. Die aktuelle Situation sei auch mit Brasilien nicht zu vergleichen, urteilt Gottschalk. Neben der extrem hohen Nachfrage schütze auch die vorsichtige Genehmigungspolitik der Regierung in Peking für neue Produktionsstätten vor einem Aufbau von Überkapazitäten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2 - Fachleute zeichnen schon anderes Szenario

Einige Fachleute zeichnen allerdings schon ein anderes Szenario. Die international renommierte Unternehmensberatungs-Gesellschaft KPMG warnt bereits vor absehbaren Überkapazitäten mit möglichen negativen Auswirkungen auf die Preise und erhoffte Gewinne. In einer Studie wird das installierte Fertigungspotenzial schon in diesem Jahr auf 2,7 Mill. Pkw beziffert. Bei einem voraussichtlichen Absatz von 1,8 Mill. Autos wäre dies bereits ein Überhang von fast einer Million Einheiten.

Nach den Plänen der Autohersteller sei 2005 schon mit 4,9 Mill. Fahrzeugen zu rechnen. Der Absatz dürfte allerdings nur bei knapp 2,6 Mill. Autos liegen. Damit droht nach der KPMG-Analyse bereits eine Überkapazität von 90 Prozent. Da China mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO verstärkt Importe zulassen muss, ist auch nach Einschätzung von Volkswagen „mit einem höheren Wettbewerbsdruck zu rechnen.“ Nach Darstellung der KPMG sind im ersten Halbjahr 2003 die Verkaufspreise schon um sieben Prozent gesunken.

Der Volkswagen-Konzern als bislang noch unbestrittener Marktführer mit gut 35 Prozent will allein in den kommenden fünf Jahren die Fertigungskapazitäten auf 1,6 Mill. Einheiten annähernd verdoppeln. Gemeinsam mit den beiden chinesischen Partnern sind dafür Investitionen von sechs Mrd. Euro vorgesehen. Für die Wolfsburger, die schon seit Anfang der 90er Jahre in China produzieren, ist das Risiko dabei noch überschaubar. Die Investitionsmittel zur Erweiterung der VW- und Audi-Produktion soll ausschließlich mit dort erzielten Gewinnen finanziert werden.

Schon heute werden mehr Autos mit dem VW-Logo in China verkauft als in Deutschland. 2002 wurden 513 000 Fahrzeuge an die chinesische Kundschaft ausgeliefert, 2007 sollen es bereits mehr als eine Million sein. Pischetsrieder muss seine chinesischen Partner nach eigener Aussage aber schon bei den Ausbauplänen bremsen. Sie würden die Marktentwicklung bedeutend optimistischer einschätzen als der VW- Vorstand.

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