VW-Prozess
Der Fall Piëch(s)

Der VW-Skandal, der am Dienstag vor Gericht in die nächste Runde geht, wird wieder spannend. Es mehren sich die Indizien, dass Firmenpatriarch Ferdinand Piëch Mitwisser war.

HAMBURG/KIEL. Das wahre Wirtschaftsleben ist manchmal so schmuddelig wie ein feucht-kalter Wintertag. Das Thermometer in Hamburg zeigt sechs Grad, es ist Anfang Dezember, die Alster ist eisfrei, aber die Zugvögel beherrschen längst den trüben Himmel. Und auch das Thema, das Johann Schwenn gern mit einem vielsagenden Blick aus seinen blauen Augen unterlegt, ist eigentlich zum Davonfliegen. Prostituierte auf Firmenkosten, gierige Betriebsräte, Korruption im Konzern – die ganze Palette firmeninterner Klebrigkeiten beschäftigt derzeitig den prominenten Strafverteidiger. Er verteidigt Klaus Volkert, den Testosteron getriebenen Ex-Betriebsratschef von VW, in der Korruptionsaffäre des Unternehmens. "Herr Volkert“ aber, beteuert Schwenn und stemmt sich damit wacker gegen die veröffentlichte Meinung, "ist ein sehr sympathischer Mann“.

Schwenn, gewandet im lodengrünen Anzug, wirkt sehr zufrieden. Er hat das Strafverfahren gegen seinen Mandanten, das seit November vor dem Landgericht Braunschweig läuft, wieder spannend gemacht. Während im Hamburger Hafen, auf den sein Büro einen imposanten Blick gewährt, hektisches Treiben herrscht, lehnt Schwenn sich entspannt zurück. "Sie haben doch sicher“, fragt er und faltet die Hände vor dem Bauch, "schon von dieser Ruhestandsregelung gehört?“

Nicht nur gehört – sie liegt dem Handelsblatt vor. Mit diesem Papier aus dem Jahr 1998 wird Volkerts VW-Rente von hohen 40 auf nur für Vorstände übliche 50 Prozent der letzten Bezüge angehoben. Und es trägt, zur Überraschung vieler, auch die Unterschrift eines Mannes, der bislang stets beteuerte, am Geldverteilen nicht beteiligt gewesen zu sein. In geschwungener Schrift hat jemand unten auf dem Brief "F. Piëch“ gesetzt.

Und noch andere Indizien kratzen seit kurzem am Saubermann-Image von Ferdinand Piëch, dem Firmenpatriarch und Porsche-Enkel. Dem Handelsblatt liegt ein Brief an Piëch vor, in dem er 2003 von einem damals führenden Konzernmitarbeiter in Kassel ausdrücklich auf das dubiose Spesenkonto "1860“ hingewiesen wird, über das Lustreisen und Schmiergelder abgerechnet wurden. Zudem hat die Staatsanwaltschaft drei neue Zeugen aufgetan, die angeblich Piëchs Mitwisserschaft bezeugen können. Schon am Dienstag, am dritten Tag des Prozesses gegen Volkert und Ex-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, soll der erste von ihnen aussagen.

VW hält den neuen Brief an Piëch für gefälscht. Das habe der Konzern auch der Staatsanwaltschaft mitgeteilt, sagte ein VW-Sprecher dem Magazin „Der Spiegel“. Grund: „Der Brief ist weder im Generalsekretariat noch in der Revision im Posteingangsbuch vermerkt.“

Nur: Warum sind dann der Name des VW-Revisors und seine Telefonnummer auf dem Schreiben notiert?

Ferdinand Piëch, ein Mann, dem Wind von vorn bislang nie etwas anhaben konnte, könnte damit erstmals ins Frösteln geraten – und die Angeklagten und ihre Verteidiger scheinen auf einmal die wärmende Milde einer geringeren Strafe zu spüren.

In die justizielle Aufarbeitung eines der größten Konzern-Skandale der letzten Jahre ist wieder Bewegung gekommen. Seit einem Jahr laufen die Strafverfahren um Sex-Reisen auf VW-Kosten und sonstige Schmiermittel für Betriebsräte. Erst wurde der Geldbeschaffer, Ex-Personalvorstand Peter Hartz, abgeurteilt, dann zwei prominente Nutznießer, die SPD -Politiker und VW-Arbeitnehmervertreter Hans-Jürgen Uhl und Günter Lenz. Das vor kurzem angelaufene Verfahren gegen Volkert, der unter anderem Sonderboni in Millionenhöhe erhielt und dessen Geliebte von VW ausgehalten wurde, sowie gegen Gebauer, den Cheforganisator der Lustreisen, schien nur noch langweilige Formsache.

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