VW-Skandal
Das hoffnungsvolle Ende einer schlimmen Woche

Volkswagen hat einen neuen Chef, eine neue Strategie und eine Führungsebene, die rigoros das schwere Erbe der Vergangenheit aufarbeiten will. Das Handelsblatt berichtet aus Wolfsburg.

WolfsburgDie gut hundert versammelten Journalisten konnten förmlich fühlen, wie sie an diesem Tag im Aufsichtsrat gerungen haben. Um den neuen Vorstandschef, von dem schon am Donnerstag durchgesickert war, dass es Matthias Müller sein würde. Um viele weitere Personalien. Auch um die neue Konzernstruktur, um die es an diesem Tag eigentlich gehen sollte und die nun so plötzlich in den Hintergrund gerückt war. Und natürlich um die schonungslose Aufarbeitung der Affäre um manipulierte Dieselmotoren, die den bis dato so sehr auf sein Saubermann-Image bedachten Autobauer in dieser Woche in seinen Grundfesten erschütterte.

Teils seit morgens um acht Uhr standen die ersten Fernsehteams vor Tor Sandkamp, dem Eingangstor der Vorstände und Verwaltungsleute im Wolfsburger Autokonzern. Vertröstet wurden sie ein ums andere Mal. Um 14 Uhr gebe es vielleicht ein Statement. Und als um 15 Uhr plötzlich ein provisorisches Büffet aus Würstchen, Kartoffel- und Nudelsalat sowie ein bisschen Obst und Schokoriegeln aufgebaut war, da war bereits klar, dass es heute länger dauern würde. Nach 16 Uhr fuhren dann endlich die Busse vor, das gleiche Prozedere gab es schon vor zwei Tagen, als das Präsidium den Abschied von Martin Winterkorn verkündete. Nur dass da alles noch deutlich improvisierter wirkte. Offensichtlich hat man bei Volkswagen schnell gelernt, auch im Krisenmodus eine Art Baukasten zu schaffen.

Dort, wo sonst die Verwaltungsangestellten zu Mittag essen, war alles angerichtet. Im BT 10, wie sie das Gebäude intern nennen. Dem Ausweichquartier, solange das markante Hauptgebäude aus dem Jahr 1938 noch immer kernsaniert wird. Kameras wurden eingeschaltet und auch wieder ausgeschaltet. Auch zum Börsenschluss um 17.30 Uhr in Frankfurt, den viele als Start der Veranstaltung erwartet hatten, tat sich noch immer nichts. Wieder hatte die VW-Aktie massiv verloren, vier Prozent waren es am Ende, während die anderen 29 Dax-Werte den Leitindex um 2,7 Prozent nach oben trieben.

Um 18.35 Uhr war es dann endlich so weit. Zu den fünf bereit gestellten Stühlen und den fünf Mikrofonen kamen die dazu gehörigen Protagonisten. In der Mitte Berthold Huber als oberster Aufseher, rechts von ihm Wolfgang Porsche und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, links der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller und ganz außen Bernd Osterloh als oberster Arbeitnehmerführer. Damit war die wichtigste Personalie klar.

Das Sagen hatte an diesem Tag jedoch Berthold Huber, der Übergangs-Aufsichtsratschef, der auch diese Situation so souverän meisterte wie bereits die heikle Hauptversammlung Anfang Mai. „Der Aufsichtsrat hat heute Matthias Müller gebeten, den Vorsitz der Volkswagen AG zu übernehmen“, begann er sein kurzes Statement. Es folgte ein kurzer Satz zu Müller („Eine Persönlichkeit von hoher strategischer, unternehmerischer und sozialer Kompetenz“), dann ging es an die Arbeit. „Ein moralisches und politisches Desaster“ nannte er unumwunden die Diesel-Affäre, für die er sich in aller Form entschuldigte. Und er verkündete auch gleich die ersten Maßnahmen. Verdächtige Mitarbeiter seien beurlaubt, eine renommierte US-Kanzlei mit der Aufarbeitung der Fälle beauftragt.

Wolfgang Porsches wichtigster Satz im Anschluss war so zu erwarten und doch in der aktuellen Situation wichtiger denn je. „Die Familien Piech und Porsche stehen ohne Wenn und Aber hinter Volkswagen, gerade jetzt“. Seine Rolle spielte auch Bernd Osterloh, der mächtige Arbeitnehmerführer. Mit seinen fast 40 Jahren im Konzern ist er beinahe so lange dabei wie der neue Konzernchef. Dass sie die Krise nur gemeinsam durchstehen können, ist beiden klar. So fand er auch die klaren Worte, für die er bekannt ist. Die Mitarbeiter habe er aufgefordert, jetzt erst recht alles zu tun, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Dass durch den Skandal womöglich finanzielle Härten auf die Belegschaft zukommen können, ist Osterloh heute schon klar. Man werde in konstruktiven Gesprächen mit dem Vorstand alles tun, um den finanziellen Schaden auszugleichen. Und sprach dann das aus, was man eigentlich vom neuen Unternehmenschef erwartet hätte. „Volkswagen braucht einen Neuanfang“.

Müller war jedoch erst im Anschluss dran. Vom Blatt las er wie bis dahin alle seine Vorredner. Auch über Details des besagten Neuanfangs. „Sorgfalt ist wichtiger als Geschwindigkeit“, so sein Credo. Bis dato wirkte es im Konzern häufig so, als wäre die Geschwindigkeit, gerade beim Wachstum, das oberste Ziel gewesen. Die neue Konzernstruktur, die später auf Papier verteilt wurde und die vor allem auf mehr Eigenständigkeit der Marken und Bereiche abzielt, ist dabei das richtige Fundament. Zum Schluss der Dank an Martin Winterkorn. „Vor seiner Leistung haben wir alle großen Respekt“.

Das Schlusswort blieb dem Ministerpräsidenten. Weil da dann auch schon die ganz große Anspannung weg war, sprach er auch als einziger frei. Eine glückliche Fügung sei es, dass der neue Vorstandschef in den vergangenen Monaten am Konzept der neuen Unternehmensstruktur mitgearbeitet habe. Am Ende einer schlimmen Woche richte sich der Blick nach vorne.

Dann wäre eigentliche Schluss gewesen, waren doch keine Fragen zugelassen. Was den Vertreter eines Privatsenders nicht von einem Moral-Monolog über die Ereignisse der abgelaufenen Woche abhielt. Müller ließ es über sich ergehen, antwortete stoisch, dass die Aufarbeitung gestartet wurde, die Vorgänge bis ins Jahr 2005 zurückgingen, und man zügig daran weiter arbeitet.

Keine Viertelstunde, nachdem alles begonnen hatte, war alles auch schon wieder zu Ende. Volkswagen hat einen neuen Chef, eine neue Strategie und eine Führungsebene, die rigoros das schwere Erbe der Vergangenheit aufarbeiten will. So gesehen nimmt diese Woche, die für den Konzern so desaströs begann, zumindest ein Ende, das Hoffnung macht.

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