VW und Dieselgate
Kollektives Versagen der Prüfer

Volkswagen hat bei 800.000 Autos den offiziellen Verbrauchswert manipuliert. Das Kraftfahrtbundesamt konnte den Betrug nicht aufdecken. Volkswagen-Mitarbeiter sollen die Prüfer systematisch getäuscht haben.
  • 9

DüsseldorfDer Skandal um gefälschte CO2-Werte bei 800.000 VW-Fahrzeugen bringt nun auch die zuständigen Prüfinstitute in Erklärungsnot. Denn die Prüfer der Technischen Dienste sollten eigentlich feststellen, ob die Abgas- und Verbrauchsangaben, die Volkswagen an das Kraftfahrtbundesamt meldete, korrekt sind. In Nachprüfungen bei VW war festgestellt worden, dass der CO2-Ausstoß und damit auch der Verbrauch bei einzelnen Modellen nach Handelsblatt-Informationen um bis zu 18 Prozent von den offiziellen Werten abwichen. Abweichungen gab es auch bei Bestsellern wie dem VW Golf und Polo.

Nach Handelsblatt-Informationen waren gleich mehrere namhafte Dienste am Zulassungsverfahren beteiligt: VW und Porsche ließen sich ihre Abgaswerte der betroffenen Modelle demnach vom Tüv Nord bescheinigen, Audi wurde vom luxemburgischen Prüfunternehmen ATE unter die Lupe genommen. Auch der Tüv Süd, die spanischen Prüfdienste Inta und Indiada, sowie die britische Vehicle Certification Agency bestätigten VW-Konzernmarken wie Skoda und Seat falsche Werte. Der Konzern scheint alle diese namhaften Organisationen getäuscht zu haben.

„Wir untersuchen gerade mit Hochdruck, wie es dazu kommen konnte“, erklärt ein VW-Sprecher dem Handelsblatt. Doch auch die Prüfer müssen sich nach den jüngsten Enthüllungen einige unangenehme Fragen gefallen lassen. Denn das Kraftfahrtbundesamt (KBA) prüft im Zulassungsprozess kein einziges Auto auf dem Prüfstand selbst. Stattdessen darf der Hersteller aus einer Liste von 60 dafür zugelassenen Technischen Diensten wählen.

Diese prüfen – entweder direkt beim Hersteller oder auf eigenen Messständen – ob die vom Hersteller angegebenen Werte stimmen. Auf ihren Berichten basieren auch die CO2-Werte, mit denen der Hersteller anschließend werben darf und nach denen auch die Kfz-Steuer festgelegt wird.

Weil die Abweichungen bei den VW-Modellen so deutlich ausfallen, stellt sich die Frage, warum sie bei diesen Tests auf dem Prüfstand nicht aufflogen. Die Falschangaben seien entweder über Manipulationen im Messvorgang auf dem Prüfstand selber oder über manipulierte Testwagen zustande gekommen, erklärt VW dem Handelsblatt. „Wir suchen die Schuld bei uns und nicht bei unseren Partnern“, so ein Sprecher. Den Testern fielen die Manipulationen offenbar nicht auf.

Der Tüv Nord betont, dass man „Typprüfungen ausschließlich gemäß den gesetzlichen Vorschriften“ vornehme. Wörtlich sagte ein Tüv-Nord-Sprecher der dpa: „Wir haben die Meldungen aus dem VW-Konzern selbstverständlich zum Anlass genommen, unsere Prozesse zu untersuchen. Dabei sind auf unserer Seite keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden.“

Die Umweltverbände üben am derzeitigen Zulassungsverfahren dagegen massive Kritik. Da die Technischen Dienste um die Aufträge der Hersteller werben, bestehe eine massive Abhängigkeit von der Autoindustrie, erklärte unter anderem die Deutsche Umwelthilfe (DUH).

Auch unter den Prüfbehörden besteht ein Wettbewerb, der nur schwache Kontrollen zur Folge hat. Denn die Zulassung in einem EU-Mitgliedsstaat gilt gleich europaweit – das erhöhe das Risiko, dass sich die Behörden mit immer laxeren Prüfungen unterbieten, meint auch der ADAC. „Insgesamt führt dies zu Risiken hinsichtlich der Einhaltung von Standards zur Messung und Kontrolle von Abgasemissionen“, stellt der Automobilclub in einer Stellungnahme für den Verkehrsausschuss des Bundestages fest.

Seite 1:

Kollektives Versagen der Prüfer

Seite 2:

„Wir handeln nach den geltenden Vorschriften“

Kommentare zu " VW und Dieselgate: Kollektives Versagen der Prüfer"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wir haben selbstverständlich auch VW gefragt, wie ein offizielles Testverfahren so manipuliert werden konnte, so dass am Ende falsche Werte an das KBA gemeldet wurden, ohne dass die unabhängigen Technischen Dienste dies erkennen konnten. Bisher bleibt der Konzern diese Antwort im Detail schuldig. Bemerkenswert ist aber, dass die gesetzlich vorgeschrieben Prüfungen für die Typenzulassung diese Manipulationen offenbar nicht erkennen und verhindern können. (bay)

  • Es geht im aktuellen Fall nicht um Abweichungen zwischen den CO2-Werten auf dem Prüfstand und den CO2-Werten auf der Straße. Diese sind, wie Sie richtig festgestellt haben, lange bekannt und i.d.R. auch nicht illegal.
    Im vorliegenden Fall ist es aber so, dass Fahrzeuge, die nach dem gängigen Prüfzyklus getestet werden, nicht die Abgaswerte erreichen, die dem KBA gemeldet wurden. Es gibt also eine Differenz zwischen zwei Prüfstandswerten. Diese sind offenbar auf Manipulationen bei den offiziellen Tests zurückzuführen. Wie genau die Prüfer getäuscht wurden, ist derzeit noch Teil der Untersuchungen. (bay)

  • Für Recherche hat das HB doch gar kein Budget, höchstens passiert dort eine "qucik-and-dirty" desk top Recherche, bisschen Wikipedia bisschen hier und da und dann wird das ganze zu einem möcgkichts reisserischen Artikel zusammengepresst. Ergebnis s.o.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%