Wachstumsmotor stottert
Autobauer in der Türkei fahren in die Krise

Sie war Wachstumsmotor und Exportmeister: Die türkische Automobilindustrie fuhr bis vor kurzem von einem Produktionsrekord zum nächsten. Jetzt wird sie von der Finanzkrise voll erwischt. Das betrifft auch die deutschen Hersteller MAN und die Daimler-Marke Mercedes.

ISTANBUL. Vor den türkischen Banken werden die Parkplätze knapp. Es sind Kundenautos der besonderen Art, die in zunehmender Zahl vor den Filialen abgestellt werden: sie gehörten Autofahrern, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können. "Die Zahl der Fahrzeuge, die wir wieder in Besitz nehmen, weil die Kunden mit den Raten mehrere Monate im Rückstand sind, hat sich im November gegenüber dem Vorjahr um 70 Prozent erhöht", berichtet der Mitarbeiter einer großen Istanbuler Bank. Auch beim Autofinanzierer Volkswagen Dogus Tüketici Finansmani (VDF) registriert man eine nachlassende Zahlungsmoral der Kreditnehmer und Leasingkunden. "Die Zahl der Ausfälle hat sich in den vergangenen 18 Monaten verdoppelt", sagt VDF-Geschäftsführer Kemal Ören und ahnt: "Das nächste Jahr wird schwierig."

Die Krise trifft die türkische Autobranche mit voller Wucht. Im Oktober brachen die Neuzulassungen um 38 Prozent ein - obwohl viele Händler die Kunden mit Nachlässen von bis zu 25 000 Lira (12 500 Euro) in die Ausstellungsräume zu locken versuchen, verringerten sich die Verkäufe im November gegenüber dem Vorjahresmonat um 58,5 Prozent. Die Pkw-Exporte zeigten schon im Oktober ein Minus von 32 Prozent. Nach Angaben des türkischen Automobil-Herstellerverbandes OSD in dem Monat ein Fünftel weniger Fahrzeuge von den Bändern als im Vorjahr.

Dabei kannte die Branche bis vor kurzem nur ein Motto: Vollgas. Noch im ersten Halbjahr konnten die 18 türkischen Automobilhersteller ihre Produktion um fast 39 Prozent steigern. Die Exporterlöse stiegen sogar um 45,5 Prozent auf 14,6 Mrd. Dollar. Damit war die Autoindustrie, wie schon 2007, die ertragsstärkste Exportbranche, weit vor der früher führenden Textilindustrie. Aber seit August stottert der Wachstumsmotor, die Produktionszahlen fielen unter den Vorjahresausstoß. "Wir haben unsere Prognose für 2008 von 1,4 Mio. auf 1,2 Mio. Fahrzeuge zurückgenommen", sagt OSD-Generalsekretär Ercan Tezer dem Handelsblatt. Statt einer Million Einheiten wird die Branche voraussichtlich in diesem Jahr nur 900 000 Fahrzeuge exportieren. Für 2009 rechnet der Verbandschef mit einem Produktionsrückgang um 15 Prozent - eine vielleicht sogar noch optimistische Annahme.

Die türkischen Automobilhersteller bekommen die Krise deshalb besonders massiv zu spüren, weil sie acht von zehn produzierten Fahrzeugen exportieren. Von den Gesamtausfuhren gehen 90 Prozent in die EU. Wichtigste Einzelmärkte sind Deutschland, Italien und Frankreich. Und die kämpfen mit dramatischen Einbrüchen bei den Neuzulassungen. Noch düsterer als bei den Pkw ist die Lage bei den Nutzfahrzeugen, deren Absätze bereits seit Mai rückläufig sind - der Lkw-Absatz gilt traditionell als konjunktureller Frühindikator. Die Nutzfahrzeugflaute betrifft die türkischen Hersteller deshalb besonders, weil 43 Prozent ihrer Produktion auf dieses Segment entfallen.

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