Warnung vor Entwicklungsrückschritt
Annan nimmt Afrikas Staatschefs in die Pflicht

Kofi Annan hat die Staatschefs Afrikas in einem eindringlichen Appell dazu aufgerufen, sich angesichts der Wirtschaftskrise ihrer Verantwortung zu stellen. Der ehemalige Uno-Generalsekretär sieht den Hauptgrund für die anhaltenden Probleme des Kontinents in seiner schlechten Regierungsführung.

KAPSTADT. Auf dem Afrika-Gipfel des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Kapstadt sagte Annan, die Politiker in Afrika seien in besonderem Maße gefordert, die verheerenden Folgen der Finanzkrise für ihren Kontinent und seine Menschen zu begrenzen. Allein die Korruption koste Afrika pro Jahr mindestens 150 Mrd. Dollar – ein Posten, den sich der Kontinent angesichts der Krise erst recht nicht mehr leisten könne.

Die globale Finanzkrise hat Afrikas zaghaftes Wirtschaftswachstum weitgehend zunichte gemacht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Wachstumsprognose für 2009 auf 1,7 Prozent gesenkt – im vergangenen Jahr lag das Wachstum noch bei 5,1.

Annan sieht den Hauptgrund für die anhaltenden Probleme Afrikas in seiner schlechten Regierungsführung. Sie sei auch verantwortlich für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents. Die meisten afrikanischen Länder sind 50 Jahre nach Beginn der Entkolonisierung immer noch vom Export von Rohstoffen abhängig.

Die Wirtschaftsexperten des WEF warnten Afrikas Regierungen am Donnerstag ausdrücklich davor, die in den vergangenen Jahren gemachten Fortschritte wie etwa die Öffnung der Märkte im Zuge der Krise wieder zurückzudrehen. „Die Reformen stecken fest“, sagte WEF-Ökonom Jennifer Blanke.

In dem auf dem Gipfel vorgelegten „African Competitiveness Report“ empfehlen Wirtschaftsexperten Afrika, nicht zum Protektionismus zurückzukehren, die überbordende Bürokratie abzubauen und das freie Unternehmertum zu fördern. Auch müssten die Afrikaner viel stärker untereinander Handel treiben als bisher.

Besonders wichtig sei jedoch, dass seine Länder zur Aufrechterhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit mehr Geld in die Infrastruktur sowie den Aufbau ihrer zerrütteten Bildungs- und Gesundheitswesen steckten. So hat etwa Nigeria nur zehn Prozent der Stromerzeugungskapazität von Südafrika, obwohl das bevölkerungsreichste Land Afrikas mit rund 140 Millionen Einwohnern fast dreimal so groß ist wie die Kaprepublik. Ebenso ernüchternd ist, dass rund Dreiviertel aller Afrikaner keinen Stromanschluss haben – ein großes Hindernis bei der wirtschaftlichen Entwicklung und der angestrebten Diversifizierung vieler Länder. Und selbst wo Strom verfügbar ist, macht die oft sehr unzuverlässige Versorgung eine geregelte wirtschaftliche Produktion weitgehend unmöglich.

Trotz der nötigen Eigenverantwortung der Afrikaner müssten auch die westlichen Geberländer ihre Hilfsversprechen einhalten, sagte Annan. Noch deutlicher wird der Rocksänger Bono. Seine Hilfsorganisation One hat am Donnerstag zeitgleich zum Afrika-Gipfel des WEF in London ihren Lagebericht für das Jahr 2009 vorgelegt. Darin kritisiert die Organisation vor allem Frankreich und den diesjährige G8-Gastgeber Italien scharf dafür, ihre Hilfszusagen gegenüber Afrika nicht eingehalten zu haben.

Mit ihrem schwachen Engagement würden die beiden Länder die Glaubwürdigkeit der gesamten G8-Industriestaaten gefährden, heißt es. Der Mehrzahl der anderen G8-Staaten, darunter auch Deutschland, kämen bei der Umsetzung ihrer Zusagen indes voran, lobt One. Die Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, den Fortschritt der G8 bei der Einhaltung ihrer Zusagen an die ärmsten Länder Afrikas zu überwachen.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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