Der Grund für Aktienrückkäufe ist auf den ersten Blick simpel: Weniger Aktien verknappen das Angebot und erhöhen zugleich den Gewinn pro Aktie. Beides beflügelt den Kurs. Unternehmen und Investoren versprechen sich aber noch zusätzliche Vorteile.
DÜSSELDORF. Wenn sich in diesen schwachen Börsentagen die Aktien des Unternehmens Deutsche Börse
stabil halten, sollten Anleger bei der Suche nach Ursachen nicht unbedingt nach guten Nachrichten im Marktgeschehen suchen - Grund für die Robustheit des Kurses dürfte der Starttermin für ein neues Aktien-Rückkaufprogramm sein. Es begann am Dienstag; der Börsenbetreiber lässt es sich bis zu 400 Mill. Euro kosten.
Weniger Aktien verknappen das Angebot und erhöhen zugleich den Gewinn pro Aktie. Beides beflügelt den Kurs. Unternehmen und Investoren versprechen sich aber noch zusätzliche Vorteile: Für Anleger entfallen die bei Dividenden üblichen Kapitalertrags- oder Quellensteuern. Die Firmen reichen ihr überschüssiges Kapital über den höheren Kurs an die Investoren weiter.
Außerdem gewinnen treue (Groß-)Anleger an strategischem Einfluss. Das verdeutlicht das Beispiel Daimler
: Ohne dass der Großaktionär Kuwait seinen über 30 Jahre alten Anteil von sechs Prozent weiter aufstockt, erhöht sich die Beteiligung des Emirats. Vorausgesetzt, Daimler
zieht wie angekündigt weitere zehn Prozent seiner Aktien aus dem Verkehr, ist das Emirat bis zur Hauptversammlung 2009 mit acht Prozent am Automobilhersteller beteiligt.
Die Konzerne versprechen sich hiervon eine bessere Kapitalstruktur. Hintergrund ist, dass Investoren für ihr Risiko bei Aktienengagements mit einer vergleichsweise hohen Rendite auf das Eigenkapital der Unternehmen belohnt werden wollen. Es gilt die Faustregel: Anleger pochen auf die Rendite einer risikofreien Anleihe und zusätzlich eine stattliche Prämie. Sie soll für Unwägbarkeiten an der Börse entschädigen.
Deshalb kaufen besonders jene Unternehmen Aktien zurück, die hohe Cashflows und Nettogewinne oder aber außerordentliche Einnahmen erlösen. Dazu zählen Daimler
und Siemens
. Der Automobilkonzern verfügt seit der Trennung von der maroden US-Tochter Chrysler über eine hohe Eigenkapitalquote und reichlich Liquidität. "Vor diesem Hintergrund dienen die Aktienrückkaufprogramme dem Ziel, die Kapitalstruktur des Unternehmens zu optimieren", sagt ein Unternehmenssprecher. Deshalb läuft jetzt ein Sechs-Mrd.-Euro-Programm bis zur Hauptversammlung 2009.
Siemens
erlöste gerade einmalig 11,4 Mrd. Euro aus dem Verkauf seiner VDO-Sparte. Sie ging an den Reifenspezialisten Continental
. Auch dieses Geld will untergebracht sein. Die Münchener beabsichtigen, bis 2010 Aktien für zehn Mrd. Euro zurückzukaufen. "So schaffen wir Wert für unsere Aktionäre und erhalten uns zugleich finanzielle Flexibilität", sagte Vorstandschef Peter Löscher schon vor Abschluss des VDO-Deals.
Ähnlich ist die Situation bei Eon
. Der Versorger nahm im ersten Halbjahr Aktien im Wert von 1,3 Mrd. Euro vom Markt. Insgesamt sollen es bis Jahresende 3,5 Mrd. Euro werden. Denn Eon
hat ein Problem: Als der Versorger vor acht Jahren aus den Mischkonzernen Veba und Viag entstanden ist, konzentrierte sich Eon
auf das Energiegeschäft und stieß die vielen Chemie-, Immobilien- und Mobilfunkaktivitäten ab. Mit Verkäufen erlöste Eon
Jahr für Jahr mehr Geld als das Unternehmen für Übernahmen ausgab.
Nach dem missglückten Kauf des spanischen Wettbewerbers Endesa
steht Vorstandschef Wulf Bernotat erst recht vor dem Luxusproblem, Anlegern das überschüssige Eigenkapital über Dividenden oder Aktienrückkäufe zurückgeben. Solange keine neue, große Übernahme in Sicht ist, entscheidet sich Eon
für die Kombination aus beidem: Eon
schüttete im Frühjahr 2,4 Mrd. Euro an seine Anleger aus. Über Dividenden und Rückkäufe fließen in diesem Jahr 5,9 Mrd. Euro an die Anteilseigner. Damit bleibt immer noch Geld übrig. Der Konzernüberschuss war 2007 um 27 Prozent auf 7,7 Mrd. Euro gestiegen.
Sorgen, dass die Konjunktur schlapp macht und am Ende kein Geld mehr übrig ist, machen sich die Unternehmen nicht. "Zwischen dem ersten und dem nunmehr laufenden zweiten Rückkaufprogramm haben wir uns sehr genau die Entwicklung auf den Kapitalmärkten angeschaut und die konjunkturellen Aussichten auf den für uns wichtigen Märkten analysiert", heißt es bei Daimler
. Die Botschaft an die Aktionäre: Ertragseinbrüche drohen nicht.
Diese Überzeugung überwiegt auch bei dem größten Rückkäufer in der Vergangenheit, BASF
. "Das angekündigte Aktienrückkaufprogramm über drei Mrd. Euro spiegelt das Vertrauen des Vorstands in die Ertragskraft der BASF
wider", sagt Finanzvorstand Kurt Bock. Der weltgrößte Chemiehersteller kaufte seit 1999 insgesamt 168 Mill. eigene Aktien und verringerte so den Aktienbestand um ein Viertel.
Bisweilen helfen Investoren ihren Vorständen und Aufsichtsräten ein wenig nach, wenn es um Aktienrückkäufe geht. Die Deutsche Börse
ist eines von acht Dax-Unternehmen, das zur Zeit Aktien vom Markt nimmt und so den Kurs stützt. Das Management setzt damit einen Beschluss der Hauptversammlung um, der die Ankündigung von Konzernchef Reto Francioni unterstützte, auch künftig eine Vollausschüttung der erwirtschafteten Gewinne über Dividenden und Aktienrückkäufe anzustreben.
Das hatte vor einigen Jahren noch ganz anders ausgesehen. Bis 2004 kaufte die Deutsche Börse
keine Aktie zurück und schüttete gemessen am Nettogewinn so wenig Dividende wie kaum ein anderer Dax-Konzern aus. Als Ex-Chef Werner Seifert 2005 nach der Londoner Stock Exchange (LSI)
griff und sich schon fast am Ziel wähnte, erzwangen die beiden Hedge-Fonds TCI und Atticus die Wende. Die aggressiven Investoren unterbanden den Deal, drängten Seifert zum Rücktritt und setzten stattdessen üppige Dividenden und regelmäßige Aktienrückkäufe durch. Die Folge: Der aus Sorge vor einem zu teuren LSI
-Deal stagnierende Aktienkurs schoss nach oben und machte die Börse selbst drei Jahre lang - bis 2007 - zu einem der erfolgreichsten Titel im Dax.

