Was Analysten anrichten können
Monopoly in der Rohstoffbranche

Die vollen Kassen der Rohstoffkonzerne schüren die Phantasie der Märkte: Eine Analystenstudie hat am Mittwoch Spekulationen um eine Mega-Fusion von BHP und Rio Tinto ausgelöst und die Börsen heftig bewegt. Die Rio-Tinto-Aktie schoss zeitweise um mehr als 20 Prozent in die Höhe. Der lange Boom im Rohstoffsektor treibt nun eine Fusionswelle voran.

LONDON. Die Rio-Tinto-Aktie schloss gestern in London elf Prozent höher und lag zwischenzeitlich sogar 21 Prozent im Plus, obwohl der Konzern umgehend klarstellte, dass ihm keine Offerte vorliegt. Andererseits entspinnt sich ein neuer Übernahmekampf um einen kanadischen Bergbaukonzern: Die schweizerische Xstrata und die russische Norilsk Nickel streiten sich um Lion Ore Mining.

In ihrer Studie zu BHP Billiton und Rio Tinto legen die Analysten der US-Großbank Citigroup dar, dass ein Zusammenschluss Synergien von mindestens einer halben Milliarde Dollar jährlich brächte. Politische Hindernisse seien nicht zu befürchten, weil das neue Unternehmen weiterhin maßgeblich in australischer Hand läge. Eine Fusion schaffte zwar einen mächtigen Anbieter in der ohnehin schon stark konzentrierten Branche, doch einen Einspruch der Kartellbehörden in Europa und den USA erwarten sie nicht. Die stärksten Auswirkungen habe die Fusion auf asiatische Eisenerz- und Kokskohle-Kunden, doch China und Japan trauen die Analysten nicht zu, eine solche Fusion per Kartellrecht zu stoppen.

Der gestrige Kursanstieg hat den Börsenwert von Rio Tinto deutlich über die Marke von 100 Mrd. Dollar katapultiert. Mit der üblichen Prämie wäre die Übernahme die drittgrößte aller Zeiten hinter AOL/Time Warner und Vodafone/Mannesmann. Doch BHP Billiton hat selber einen Börsenwert von 145 Mrd. Dollar und hat in den vergangenen Jahren einen Rekordgewinn nach dem anderen eingefahren. Die Finanzierung der Übernahme wäre also machbar.

An der Börse Sydney kursierten bereits Gerüchte, dass Rio Tinto eine Offerte von BHP abgelehnt habe und nun ein feindliches Angebot zu erwarten sei. Doch Rio Tinto teilte sogleich mit, dass keine Anfrage des großen Konkurrenten vorliege. Ein Sprecher von BHP lehnte jeden Kommentar ab. „Wir haben viele Leute, die sich alles mögliche anschauen“, orakelte jedoch Chris Lynch, Chef der BHP-Stahlsparte und Kandidat für die Nachfolge des scheidenden Vorstandschefs Chip Goodyear. Er brachte außerdem die Variante ins Spiel, dass sich Private-Equity-Fonds für BHP interessieren könnten. „Das kann man nicht völlig ausschließen“, sagte er in Melbourne.

Mit dem Argument, sich selber vor einer Übernahme schützen zu wollen, hat auch der US-Aluminiumhersteller Alcoa gerade sein Kaufangebot für den kanadischen Konkurrenten Alcan begründet. Mit einem Wert von 27 Mrd. Dollar wäre es die bisher größte Übernahme in der Rohstoffbranche noch vor dem Kauf des US-Kupferkonzerns Phelps Dodge durch Freeport-McMoran und der Übernahme des kanadischen Nickelherstellers Falconbridge durch Xstrata, beide im vergangenen Jahr.

Die Konsolidierungswelle spielt sich vor dem Hintergrund eines langlebigen Booms im Rohstoffsektor ab. Die rasante industrielle Entwicklung großer Schwellenländer wie China und Indien hat den Bergbaukonzernen einen „Superzyklus“ beschert, der die Preise für Metalle, aber auch für das Stahl-Vorprodukt Kokskohle von Rekord zu Rekord treibt. Entsprechend steigen auch die Börsenbewertungen der Rohstoffkonzerne. Zwar sind Übernahmen damit teurer denn je, aber die Branche hat in den vergangenen Jahren gut verdient. Außerdem kann es angesichts steigender Förderkosten günstiger und sicherer sein, fertig erschlossene Minen zu kaufen als das gleiche Geld in eigene Projekte zu stecken.

Ein weiterer Treiber der Konzentration ist der Wunsch, ein möglichst ausgeglichenes Produktangebot zu haben. Es schützt vor Preisausschlägen bei einzelnen Rohstoffen. „Es gibt keinen Zweifel, dass die Konzentration weiter gehen wird. Die meisten Firmen haben sehr viel Geld“, sagt Jan Johansson, Chef der schwedischen Bergbaufirma Boliden.

Einer der eifrigsten Firmenkäufer war in den vergangenen Jahren Xstrata-Chef Mick Davis. Sein Kaufangebot für den Nickelproduzenten Lion Ore wurde aber am Dienstag von der russischen Norilsk Nickel mit einer Offerte über 4,8 Mrd. Dollar gekontert. Das zeigt – wie schon die Mega-Fusion von Rusal und Sual zum Aluminium-Weltmarktführer – dass russische Konzerne nun kräftig am Fusionskarussell mitdrehen. Xstrata kündigte an, über eine Erhöhung des Angebots nachzudenken. Doch Analyst Christopher LaFemina von Lehman Brothers rechnet damit, dass die Schweizer diszipliniert bleiben und Lion Ore nicht um jeden Preis kaufen werden.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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