Weichen gestellt
GM-Insolvenz nur noch Frage von Stunden

Nach der Rettung der deutschen Tochter Opel strebt der US-Mutterkonzern General Motors ein zügiges Insolvenzverfahren an. Die Berliner Einigung mit der Bundesregierung und dem österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna sowie ein Abschluss mit Inhabern von Unternehmensanleihen ebneten am Wochenende den Weg für einen Antrag auf Gläubigerschutz. Laut „Wall Street Journal“ wird der angeschlagene Autokonzern um 8 Uhr Ortszeit (14 Uhr MESZ) Insolvenz anmelden. Später wird sich US-Präsident Barack Obama in einer Rede zur Lage der Autoindustrie äußern, teilte das Präsidialamt mit.

HB DETROIT. Der ehemals weltgrößte Autokonzern wird danach mehrheitlich dem US-Staat gehören und auf zukunftsträchtige Teile wie die Marken Chevrolet, Cadillac und Buick reduziert sein. Neben Opel stößt GM auch die defizitäre schwedische Tochter Saab ab.

Präsident Barack Obama bereitete die US-Öffentlichkeit am Samstag auf eine der größten Pleiten in der Geschichte der größten Volkswirtschaft vor: „Ich hätte es vorgezogen, mich ganz herauszuhalten“, sagte er in einem Interview des TV-Sender NBC News. „Aber dann hätten wir eine Abwicklung erlebt, einen Konkurs, in dem ein riesiges Gebilde mit enormer Bedeutung für unsere Wirtschaft in seine Einzelteile zerbrochen worden wäre.“ Die Regierung rechnet damit, dass GM nach Finanzspritzen von fast 20 Mrd. Dollar weitere 40 Mrd. Dollar benötigt.

Obama hat dem Traditionsunternehmen Ende März Zeit bis zum 1. Juni gegeben, einen Überlebensplan vorzulegen. Zugleich zwang die Regierung den langjährigen Konzernchef Rick Wagoner zum Rücktritt. Das Unternehmen mit weltweit fast 250 000 Mitarbeitern hängt am staatlichen Tropf, nachdem es durch eine verfehlte Modellpolitik ins Schlingern und in der Rezession vollends an den Rand des Abgrunds geraten war. Seit 2005 hat GM 88 Mrd. Dollar Verlust gemacht, seit einem Jahr verbrennt der Konzern täglich 68 Mio. Dollar. Im jüngsten Quartal belief sich diese Summe sogar auf 111 Mio. Dollar pro Tag.

GM-Chef Fritz Henderson kündigte für Montagmittag (Ortszeit) eine Pressekonferenz an. Es wurde erwartet, dass er dabei den Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter elf des US-Insolvenzrechts bekanntgibt. In enger Absprache mit der sogenannten Auto-Taskforce der Regierung will General Motors dem Vorbild des ebenfalls insolventen Konkurrenten Chrysler folgen und sich aufspalten. Ein Verfahren unter Absatz 363 sieht vor, dass die gesunden Teile des Unternehmens an neue Eigentümer übertragen werden können - im Falle GMs wäre dies der Staat im Verbund mit Gewerkschaften und der „alten GM“, die einen Anteil von zehn Prozent behalten dürfte.

Im Falle Chryslers ist es mit dem italienischen Autobauer Fiat ein privater Investor, der mit zunächst 20 Prozent einsteigt. Fiat wollte mit Chrysler und Opel sowie den europäischen und lateinamerikanischen GM-Teilen einen neuen Branchenriesen schmieden, blitzte aber bei General Motors ab. Über die Beteiligung von Fiat an Chrysler verhandelt derzeit ein New Yorker Konkursgericht. Die Abweisung aller Einsprüche dagegen wird am Montag erwartet. Damit wäre dieses Insolvenzverfahren nach bereits knapp einem Monat auf der Zielgeraden. Das Tempo bei Chrysler belege, dass ein großer Autokonzern geordnet restrukturiert werden könne, erklärte das US-Präsidialamt. Dies sei ein Modell für GM.

Die Einigung mit den Anleihegläubigern gilt dafür als der letzte große Baustein beim Chrysler-Konkurrenten - nach der Opel-Lösung und den Zusagen der mächtigen Autogewerkschaft UAW vom Freitag. GM machte zunächst keine Angaben dazu, wie viele Gläubiger das verbesserte Tauschangebot angenommen und fristgerecht bis Samstagabend ihre Forderungen angedient hatten. Demnach könnten die Kapitalgeber im Gegenzug für Schulden im Umfang von 27 Mrd. Dollar bis zu 25 Prozent an der „neuen GM“ erhalten. Auch der Gläubigerausschuss, der 20 Prozent der Anleihen repräsentiert, hielt still.

Eine Insolvenz von GM wäre der drittgrößte Konkurs in der US-Geschichte und der komplizierteste Bankrott eines Industrieunternehmens überhaupt. GM unterhält in fast 30 Ländern mehr als 140 Standorte und hat 2008 mehr als acht Mio. Fahrzeuge verkauft. Der Konzern kauft jährlich für 94 Mrd. Dollar bei Zulieferern ein, die ohne GM vor einer düsteren Zukunft stehen. Experten blicken dem historischen Ereignis dennoch gelassen entgegen. Der lange erwartete Sturz eines ausgezehrten Riesen verbreite keinen Schrecken, sagen sie. Die Folgen für die weltweite Automobilindustrie werde sich in Grenzen halten. „GM ist schon so schwach, dass das angesichts der schwachen Märkte keine großen Auswirkungen haben wird“, sagte Wolfgang Meinig, Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft in Bamberg.

Profitieren werden demnach am ehesten die asiatischen Wettbewerber. Toyota, Nissan & Co konkurrieren mit ihren Kleinwagen und Mittelklasse-Modellen eher mit den amerikanischen Massenherstellern als die deutschen Hersteller von Premiumautos, Daimler, BMW und Audi. Volkswagen könne sich dagegen wegen seiner breiten Modellpalette eher Hoffnungen auf höhere Marktanteile in den USA machen.

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