Weihnachtseinkauf
Schaeffler stockt bei Conti auf

Das fränkische Familienunternehmen Schaeffler hat überraschend für 750 Mio. Euro Aktien des Autozulieferers Continental gekauft. Wie aus einer Mitteilung im Elektronischen Bundesanzeiger hervorgeht, zahlte Schaeffler dabei bereits am Freitag für jede der zehn Millionen Aktien einen Preis von 75 Euro – und damit einen Aufschlag von 25 Prozent gegenüber dem Tagesschlusskurs.

DÜSSELDORF. Schaeffler wollte den Kauf auf Anfrage nicht erklären und auch den Käufer nicht nennen. "Wir können grundsätzlich Aktien kaufen - wann und von wem wir wollen. Und wir entscheiden auch über die Konditionen", sagt ein Sprecher. Die zehn Millionen Aktien entsprechenden knapp sechs Prozent aller Conti-Aktien, insgesamt hält Schaeffler damit rund 28 Prozent an dem Automobilzulieferer aus Hannover.

Finanzkreise können sich den Kauf vom Freitag nur so erklären, dass es sich bei den zehn Millionen Aktien nicht um den Bestand eines normalen Conti-Aktionärs handelt, sondern dass diese Papiere aus den Swap-Geschäften des ursprünglichen Angriffs von Schaeffler auf Continental stammen. Im Sommer hatte sich Schaeffler "angeschlichen", in dem man sich über mehrere Banken den Zugriff auf Aktienpakete sicherte, die jeweils unterhalb der gesetzlichen Meldeschwellen lagen. Als Continental-Chef Manfred Wennemer merkte, dass Schaeffler eine Übernahme vorbereitete, war es für eine Verteidigung schon zu spät. Wennemer nahm kurz darauf seinen Hut.

In den Angebotsunterlagen an die Conti-Aktionäre nennt Schaeffler als Mitspieler für die Swap-Geschäfte vor allem die Investmentbank Merrill Lynch, die den Angaben zufolge eine Swap-Position von 28 Prozent der Conti-Aktien aufbaute. Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass es am Freitag tatsächlich Merrill Lynch war, die einen Teil der Swap-Position auflöste und die zehn Millionen Conti-Aktien für 750 Millionen Euro an Schaeffler zurückgab. Hierdurch helfe Schaeffler der durch die US-Hypothekenkrise schwer angeschlagenen Traditionsbank, kurz vor Jahresende noch etwas für die Bilanz zu tun. Schaeffler und Merrill Lynch gaben hierzu keinen Kommentar.

Die Conti-Übernahme von Schaeffler, die zur Jahresmitte noch als Bravourstück gefeiert wurde, gilt inzwischen als Hochsicherheitsrisiko, das beiden Unternehmen wie ein Stein um den Hals hängt. Die weltweite Finanzkrise hat die Banken, die den zehn Milliarden teuren Deal finanzieren, wesentlich vorsichtiger und zurückhaltender werden lassen. Gleichzeitig macht die einbrechende Autokonjunktur sowohl Schaeffler als auch Continental schwer zu schaffen. Insider gehen davon aus, dass zahlreiche Kennzahlen, die bei der Finanzierung der Übernahme vorausgesetzt wurden, nun nicht mehr eingehalten werden können. Continental gab bereits eine Gewinnwarnung und strich für 2008 die Dividende.

Im Aufsichtsrat von Conti wurde jüngste eine Schätzung vorgestellt, nach der Schaeffler kurzfristig vier bis sieben Mrd. Euro zusätzliches Eigenkapital benötigt. Schaeffler lehnte einen Kommentar hierzu ab. Die geplanten Investitionen für 2008 wurden schon deutlich gesenkt. Sowohl Schaeffler als auch Conti haben Schulden von rund zehn Mrd. Euro.

Obwohl Insider vor einem Vollzug der Übernahme warnen, läuft derzeit alles auf genau darauf zu. Am vergangenen Freitag genehmigte das EU-Kartellamt den Kauf, Schaeffler bekräftigte daraufhin sein Vorhaben. Einem Kauf stehe nun nichts mehr im Weg, sagte ein Sprecher.

Bei Durchführung würde ein neuer Riese entstehen: Schaeffler beschäftigt bei einem Jahresumsatz von neun Milliarden Euro rund 66 000 Mitarbeiter, Übernahmeziel Continental kommt bei einem Umsatz von 25 Milliarden Euro auf 150 000 Beschäftigte.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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