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22.07.2008 
Start der Quartalssaison

Welche Konzerne den Schwierigkeiten trotzen

von Ulf Sommer

Das schwache erste Halbjahr beendet den Höhenflug: Vier Rekordjahren folgt kein fünftes. Die Gewinne der großen deutschen Konzerne werden 2008 zusammengenommen nur noch stagnieren. Doch für fünf Dax-Konzerne haben die Analysten ihre Prognosen seit Jahresbeginn sogar angehoben.

MAN-Lastwagen: Für das Unternehmen haben die Analysten die Jahresprognosen seit Anfang 2008 stärker nach oben angepasst als für jeden anderen Dax-Konzern. Foto: dpaLupe

MAN-Lastwagen: Für das Unternehmen haben die Analysten die Jahresprognosen seit Anfang 2008 stärker nach oben angepasst als für jeden anderen Dax-Konzern. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Ursachen sind die Finanzkrise, der starke Euro mit seinen Wettbewerbsnachteilen im Dollarraum, das teure Öl und die schwächere Weltwirtschaft. Stagnieren heißt aber auch: Angesichts großer Minuszeichen in der Finanzbranche legen viele Industriekonzerne auch in diesem schwierigen Jahr zu.

Abgesehen von den Banken und Versicherungen haben kurz vor Start der Halbjahresberichte am Mittwoch nur ganz wenige Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax) ihre selbst gesteckten Ausblicke für das Gesamtjahr reduziert. Blickt man auf die Schätzungen der Analysten, die beim Finanzdatenspezialisten Factset zusammenlaufen, dann sorgte der Ausbruch der Finanzkrise gleich zu Beginn des Jahres für die größten Gewinnrevisionen nach unten. Aus einem erwarteten Anstieg der Nettogewinne aller Dax-30-Konzerne von zwölf Prozent wurde ein mageres Plus von zwei Prozent.

Aber: In den vergangenen Monaten stabilisierten sich die Erwartungen auf diesem Niveau – trotz drastisch einbrechender Frühindikatoren wie dem Ifo-Geschäftsklima-Index und dem an den Finanzmärkten viel beachteten ZEW-Index. Selbst der boomende Maschinenbau, bislang frei aller Abschwungsorgen, registrierte zuletzt weniger Bestellungen.

Großen Minuszeichen bei allen Banken – bei der Deutschen Bank dürfte sich der Nettogewinn halbieren – stehen im laufenden Jahr viele Zuwächse gegenüber. Musste man im ersten Quartal noch befürchten, dass die Prognosen zu optimistisch ausfallen und am Ende angesichts der Schwäche in den USA gar nicht aufgehen, so erscheinen die Annahmen jetzt angesichts des weit fortgeschrittenen Jahres recht sicher. Viele Aufträge sind in trockenen Tüchern.

So wird der Automobilhersteller Daimler 2008 seinen Nettogewinn nach Daten von Factset um die Hälfte steigern, der Pharmaspezialist Merck immerhin um 20 Prozent, und bei Tui dürfte das Plus mit 75 Prozent am größten ausfallen. Der Touristikkonzern profitiert allerdings von einer niedrigen Ausgangsbasis und etlichen Sondereffekten, weil sich beispielsweise Abschreibungen aus dem Vorjahr nicht wiederholen.

Abgesehen von der Finanzbranche, dem Autohersteller BMW, der Deutschen Lufthansa und dem Stahlproduzenten Thyssen-Krupp zeichnen sich derzeit mit Blick auf das Gesamtjahr bei allen übrigen Dax-Konzernen höhere Nettogewinne ab als 2007. Für fünf Unternehmen hoben die Analysten ihre Erwartungen seit Jahresanfang sogar an: am stärksten für den Lastwagenhersteller MAN. Rechneten die Analysten im Januar noch mit einem Gewinn von 1,3 Mrd. Euro, so liegt der Konsens jetzt bei 1,43 Mrd. Euro. Das wären 18 Prozent mehr als im starken Vorjahr.

Der Grund: MAN lässt die Wirtschaftsschwäche weitgehend kalt. In den USA machen die Münchener so gut wie keine Geschäfte. Zwar macht sich Konzernchef Håkan Samuelsson keine Illusionen darüber, dass eine von der Immobilien- und Finanzkrise ausgelöste Konsumschwäche auch Westeuropa nachhaltig trifft. Doch das starke Wachstum in Osteuropa, Fernost und den reichen Ölländern, die ihre Petrodollars in Maschinen investieren, kompensiert die Schwäche in den etablierten Industrienationen. Hinzu kommt, dass MAN durch einen höheren Anteil von Leiharbeitnehmern und flexibleren Arbeitszeiten mit Blick auf schwächere Zeiten beweglicher geworden ist. Die einst traditionell niedrige Umsatzrendite, die im Boomjahr 2000 ganze zwei Prozent erreichte, lag zuletzt bei 7,9 Prozent.

Noch stärkere Gewinnzuwächse winken Daimler. Das mag auf den ersten Blick überraschen, müssen doch fast alle Autohersteller angesichts schwacher Nachfrage mit Einbußen rechnen. Die Schweizer Großbank Credit Suisse vergleicht die Situation sogar schon mit der Ölkrise in den 70er-Jahren und der schweren Rezession der 80er-Jahre. All das gilt aber nicht für die Stuttgarter. Wie schon im Vorjahr dürfte der Nettogewinn erneut um gut 50 Prozent zulegen. Damit würde der Autobauer in diesem Jahr auf 7,3 Mrd. Euro kommen. Abgesehen davon, dass Premiumhersteller wie Daimler weniger unter Konjunkturschwächen leiden als Massenproduzenten, gleichen Daimlers Geschäfte in Asien die schwierige Situation in Amerika mehr als aus.

Bereits im ersten Halbjahr erzielte Daimler mit seiner Kernmarke Mercedes ein Absatzplus von 4,1 Prozent. Im zweiten Halbjahr profitieren die Stuttgarter nach Ansicht von Unicredit-Analyst Georg Stürzer darüber hinaus von energieeffizienteren Modellen. Obendrein verbessern sich durch das Effizienzprogramm „Core“, das mit Personalabbau einherging, die wichtigen Kennzahlen Cashflow, Umsatzrendite und Nettogewinn. Standardisierte Arbeitsprozesse senken die Kosten.

Gewinnzuwächse von 19 Prozent erwartet RWE. Grund dafür sind die steigenden Strom- und Kohlepreise, an denen der Versorger über die Ruhrkohle AG partizipiert. Analysten rechnen sogar damit, dass der Konzern bei Vorlage seiner Zahlen zum zweiten Quartal die Zielvorgaben anhebt und seine ursprüngliche Prognose des jährlich erwarteten Gewinnanstiegs bis 2010 um fünf auf zehn Prozent nach oben korrigiert. Frankreichs Großbank Société Générale hob gerade die Gewinnschätzungen für das laufende und das kommende Jahr um 7,5 beziehungsweise 20 Prozent an. Neben anziehenden Strompreisen vor allem im Großhandel führen die Experten Kosteneinsparungen im Volumen von 1,2 Mrd. Euro bis 2012 für RWE ins Feld.

Sorgen, wie sie sich zu Jahresbeginn abzeichneten, lösen sich bei BASF auf. Konzernchef Jürgen Hambrecht, der mit Prognosen stets vorsichtig umgeht, bestätigte mehrfach die Ziele für 2008. Daran ändern weder immer größere Währungs- und damit Wettbewerbsnachteile im Dollarraum noch das teure Öl etwas, wodurch sich die Beschaffungskosten verteuern. Analysten rechnen inzwischen damit, dass der weltgrößte Chemiehersteller seinen Vorjahresrekordgewinn sogar steigern kann. Seit Januar kletterten die Schätzungen für den Nettogewinn um sechs Prozent. Schwächen in Nordamerika gleicht BASF durch ungebrochenes Wachstum in Asien aus. In dieser Region sieht Hambrecht 50 Prozent des künftigen Wachstums.

Profiteur der Immobilien- und Finanzkrise ist die Deutsche Börse. Zwar halbierte sich der Aktienkurs seit Jahresbeginn. Doch ein Zusammenhang mit Ertragseinbrüchen gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Turbulenzen an den Finanzmärkten treiben die Umsätze und den Gewinn. Gegenüber ausländischen Wettbewerbern profitieren die Frankfurter überproportional, weil Großinvestoren vor allem an hektischen und umsatzstarken Handelstagen ihre Transaktionen über das leistungsstarke Handelssystem Xetra abwickeln. Bereits die Zahlen zum ersten Quartal überraschten. Der Nettogewinn kletterte um 58 Prozent auf 304 Mill. Euro. Wie viele Industrie-Unternehmen profitiert auch die Deutsche Börse von massiven Kostensenkungen, unter anderem der Verlagerung des Standorts von Frankfurt in das steuergünstigere Eschborn.

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