Wende im Übernahmekampf
„Merck hat Bayer richtig abgezockt“

Einigung in letzter Minute: Merck verkauft seine Schering-Aktien an Bayer. Damit können die Leverkusener doch noch die Übernahme des Berliner Pharmakonzerns stemmen. Doch wird das Geschäft nun wesentlich teurer als ursprünglich kalkuliert. Erleichterte Börsianer sehen Merck als Gewinner des Deals.

HB LEVERKUSEN. Am Mittwoch-Nachmittag hatte Merck Bayer seinen Schering-Anteil von 21,8 Prozent angeboten, wie die Bayer AG mitteilte. Der Kaufpreis beträgt 89 Euro pro Aktie. Ursprünglich hatte Bayer nur 86 Euro pro Titel geboten, am Vormittag allerdings eine Erhöhung auf 88 Euro in Aussicht gestellt. Nun bekommen auch alle anderen Schering-Aktionäre, die das Bayer-Übernahmeangebot bis Mittwoch 24 Uhr annehmen, den höheren Preis.

Bayer-Chef Werner Wenning zeigte sich "sehr froh über diese Entscheidung von Merck, denn ein langfristiger Bieterwettbewerb hätte die Zukunft von Schering stark beeinflusst". Die Schering-Mitarbeiter hatten sich als Verlierer eines Übernahmekampfes gesehen. Denn jeder Euro mehr, den Bayer an die Aktionäre zahlt, muss im Unternehmen eingespart werden. Der Preis für Schering steigt durch die Anhebung des Gebots um schätzungsweise 800 Mill. auf mehr als 17 Mrd. Euro.

Merck erhalte insgesamt 3,7 Mrd. Euro für das Aktienpaket, teilten die Darmstädter mit. Das Unternehmen verbucht den aus dem Verkauf erzielten Gewinn von 400 Mill. Euro noch im zweiten Quartal.

Mit dem Kauf der Schering-Aktien zwischen dem 30. Mai und dem 14. Juni habe Merck das Ziel verfolgt, ihr langfristiges strategisches Interesse an der Schering AG zu wahren, sagte Merck-Chef Michael Römer. "Kurzfristige Spekulationsgewinne waren nie unser Ziel und sind wahrlich kein Handlungsmotiv für ein Unternehmen, das in Generationen denkt", erklärte er weiter. Merck ist noch weitgehend in Familienhand. "Dass aber ein Unternehmen, wenn sich eine Option zur Sicherung seiner Position ergibt, diese bis zum Schluss verfolgt, ist aus unserer Sicht nicht nur eine nachvollziehbare Vorgehensweise, sondern geradezu eine Verpflichtung", fügte der Manager hinzu. Die Handlungsweise von Merck ist in der deutschen Wirtschaftsgeschichte nahezu beispiellos und höchstens noch mit dem Henkel-Vorgehen bei der Wella-Übernahme durch Procter & Gamble zu vergleichen

Merck hatte am Jahresanfang den Bieterstreit um Schering verloren, seit einigen Tagen aber begonnen, massiv Aktien des Unternehmens aufzukaufen. Während die Darmstädter ihre Anteile an Schering bis zum Dienstag massiv ausbauen konnten, sank der Anteil der von Bayer kontrollierten Aktien trotz Zukäufen nach letzten Meldungen von 61,5 auf 55,53 Prozent. Mit seinen 21,8 Prozent fehlten Merck am Ende nur noch etwas mehr als 3 Prozent, um die Schering-Übernahme durch Bayer zu verteiteln. Denn Bayer musste auf 75 Prozent der Anteile kommen. Bayer hält an Schering durch Zukäufe mittlerweile mehr als 30 Prozent.

Mit der Einigung zwischen Merck und Bayer dürfte auch eine Klage hinfällig sein, die Bayer am Dienstag in den USA eingereicht hatte. Das Gericht sollte Merck zur Abgabe seiner Schering-Aktien und zu einer Strafzahlung verurteilen. Begründung: Merck habe den Vorgaben des amerikanischen Kapitalmarktes nicht entsprochen, über die mit dem Erwerb der Aktien verbundenen Absichten zu informieren.

Die überraschende Einigung von Bayer mit Merck auf eine Übernahme von Schering ist am Mittwoch von Börsianern mit Aktienkäufen honoriert worden. "Das ist positiv für alle Beteiligten", sagte ein Händler.

Die Kursgewinne von bis zu 9,8 Prozent bei Bayer stützten den Dax, in dem sowohl Bayer als auch Schering notiert sind. Der Standardwerteindex schwankte allerdings insgesamt sehr stark.

"Merck hat Bayer richtig abgezockt, sie sind der echte Gewinner", sagte ein Händler. "Merck verdient enorm viel Geld mit diesem Schering-Geschäft. Das sind zwei Jahreserträge des Unternehmens." Die Darmstädter hätten nun zwei Möglichkeiten, spekulierte ein Händler weiter. "Eine Sonderausschüttung oder die Suche nach einem neuen Übernahmeziel." Gerüchte, Merck wolle den Aktionären bis zu 1,50 Euro je Aktie zukommen lassen, wollte ein Sprecher von Merck nicht kommentieren.

Bayer zogen bis zum Nachmittag in der Spitze um 9,8 Prozent auf 33,55 Euro an, Merck verteuerten sich um gut sechs Prozent auf 72,76 Euro und Schering legten zwei Prozent auf 88,99 Euro zu. Erneut waren die Umsätze bei Bayer und Merck überdurchschnittlich hoch.

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