Wenn der Hammer fällt
RWE profitiert von Auflagen des Kartellamtes

Der Energiekonzern RWE liefert ein schönes Beispiel dafür, wie sich aus einer Not eine Tugend machen lässt. Das Unternehmen befolgte eine Auflage des Bundeskartellamts und versteigerte ein beachtliches Sonderkontingent Strom aus abgeschriebenen Stein- und Braunkohlekraftwerken an Industrie- und Gewerbekunden – ohne dabei die Kosten für Emissionszertifikate einzukalkulieren.

BERLIN. Die Hoffnung großer Stromverbraucher, auf diesem Wege ein Schnäppchen zu machen, löste sich jedoch in Luft auf: Weil das Sonderkontingent über eine Auktion versteigert wurde, erreichte der Preis am Ende ziemlich genau den Wert, den jeder Kunde auch an der Leipziger Strombörse EEX gezahlt hätte.

RWE musste also keinen Strom zu günstigen Preisen abgeben oder gar verschenken. Obendrein nutzte das Unternehmen die Aktion zu Marketingzwecke: Bereits im Dezember 2007 wies RWE Industriekunden auf die Auktion: „RWE geht neue Wege“, hieß es dort vielversprechend.

Freiwillig ging der Konzern den neuen Weg nicht. Vielmehr ist er Gegenstand eines 20 Seiten umfassenden Kartellamtsbeschlusses vom 26. September 2007, in dem RWE die Versteigerung dezidiert vorgeschrieben wird. Im Gegenzug stellten die Wettbewerbshüter das Verfahren gegen den Energiekonzern ein, das verschiedene große Stromverbraucher angestrengt hatten. Sie warfen RWE vor, die Verschmutzungsrechte (Emissionszertifikate), die den Stromerzeugern unentgeltlich zugeteilt worden waren, ihren Kunden zum jeweils aktuellen Marktpreis in Rechnung zu stellen. Nach Berechnungen der Stromverbraucher machten die Energiekonzerne auf diesem Wege milliardenschwere Zusatzgewinne. Diese Praxis sei nur wegen des fehlenden Wettbewerbs auf den Strommärkten möglich, hieß es beim Kartellamt . Die Behörde sah darin eine „missbräuchliche Preisstellung“, also einen zu hohen Preis. Am Ende stellte das Kartellamt das Verfahren ein und verpflichtete RWE im Gegenzug zu der Versteigerung besonders günstig produzierter Stromkontingente. Das Unternehmen äußerte sich damals erleichtert über den Kompromiss: Er sei „einer gerichtlichen Auseinandersetzung durch mehrere Instanzen vorzuziehen“. Der Konzern stellte in Aussicht, der Kompromiss werde sich für die Kunden „positiv auswirken“.

Unternehmen, die an der ersten Auktion dieser Art am vergangenen Mittwoch teilnahmen, spürten davon jedoch nichts. Spätestens als Preise von über 61 Euro für die Megawattstunde aufgerufen wurden, verabschiedeten sich viele Bieter. Das entspricht etwa dem Wert, der auch an der EEX für Strom fällig wird, der 2009 geliefert wird. Zum Vergleich: Der Erzeugungspreis liegt nach Branchenangaben in den Steinkohle- und Braunkohlekraftwerken bei etwa 15 Euro.

Wie weit der Preis bei der Versteigerung am Mittwoch möglicherweise noch über den Wert von 61 Euro hinausschoss, lässt sich noch nicht sagen: Bei RWE hieß es gestern, man prüfe noch die Ergebnisse der Auktion. Die Endpreise seien noch nicht bekannt. Die Aktion soll kein Einzelfall bleiben. Das Kartellamt schreibt RWE von 2008 bis 2011 je eine Auktion pro Quartal vor.

Ob das Kartellamt in einem noch laufenden, ähnlich gelagerten Verfahren gegen Eon die gleiche Lösung vorschlägt, erscheint angesichts der Erfahrungen vom Mittwoch fraglich. „Es wäre schön, wenn die Wettbewerbshüter im Fall Eon zu wirkungsvolleren Maßnahmen greifen würden“, hieß es beim Bundesverband Neuer Energieanbieter (BNE). Großen Stromverbrauchern, die erheblich unter den hohen Preisen litten, sei mit der Auktion vom Mittwoch nicht gedient.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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