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06.05.2008 
Schuhmanufaktur

Wenn Wiedeking sich Leisten leistet

von Martin-W. Buchenau

Der Porsche-Chef ist mit anderen Topmanagern Miteigentümer einer edlen Schuhmanufaktur – und dort selbst sein bester Kunde. Beim Blick auf das schwäbische Unternehmen ergeben sich gewisse Parallelen zu Porsche: Es ist klein aber fein – und sehr erfolgreich.

Handgefertigte Schuhe sind für den Porsche-Chef ein Muss. Lupe

Handgefertigte Schuhe sind für den Porsche-Chef ein Muss.

BUDAPEST. Die Finger bandagiert Attila Szakacs mit zentimeterbreiten Lederbändern. Erst durchsticht der 34-jährige Schuhmachermeister mit der Nadel die Bodensohle, dann zieht er mit voller Kraft den Faden durch den halbfertigen Schuh. Würde er jetzt beim Ziehen abrutschen, würde er sich unweigerlich und tief in die Finger schneiden – 62 Stiche pro Schuh, eine Knochenarbeit.

Beim Knoten zieht Attila so stark, dass die mit einem roten Skorpion verzierte Handgelenksbandage zu bersten droht. Genau diese harten Knoten sind es, die handgenähte Schuhe von Massenware unterscheiden und jahrelange Haltbarkeit garantieren. Auf dem halbfertigen Schuh, den Attila in der Mache hat, steht auf dem Leisten „43004 Härter“. Einen weiteren Leisten der Größe 44 ziert die Aufschrift „30007 Wiedeking“ .

Für wen der Schuh ist? „Ich mache die Schuh für Herrn Pantscharowitsch“, sagt Attila nur und lächelt. Das ist der Name des technischen Geschäftsführers der schwäbischen Schuhmanufaktur Heinrich Dinkelacker, die ihre Schuhe hier in der Marcius Utca 15, einer Gasse in einem Budapester Vorort, von 34 Fachkräften nähen lässt.

Die Namen auf den Leisten aber sagen ihm nichts, weder der des Porschechefs, erst recht nicht der von Finanzchef Holger Härter. Für Schuster Attila ist Wendelin Wiedeking nur ein sehr guter Kunde. Denn Kunden mit Maßanfertigung auf einem eigenen Leisten zahlen einen Aufpreis von 30 Prozent – und das bei Ladenpreisen für das Paar zwischen 500 und 1 000 Euro.

Wiedeking ist aber nicht nur Kunde, ihm gehören als Miteigentümer 30 Prozent des Unternehmens. Mit zehn Prozent ist sein Pressechef Anton Hunger eingestiegen. 60 Prozent besitzt der ehemalige IBM-Manager Norbert Lehmann, ein Freund Wiedekings aus seinem Wohnort Bietigheim-Bissingen. Als der Enkel des Firmengründers keinen Nachfolger für das 1879 gegründete Unternehmen fand, stieg Lehmann, ebenfalls ein passionierter Dinkelacker-Kunde, mit seinen Porsche-Freunden im Jahr 2004 ein. Der Kaufpreis wird nicht verraten, doch er dürfte dem deutschen Spitzenverdiener Wiedeking kein Kopfzerbrechen bereiten. Im schicken Designer-Show-Room im Wohnort des Porschechefs werden die Schuhe feilgeboten, sie sind aber auch bei gut 100 Händlern zu finden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Über das „teure Hobby“ lästert keiner mehr

8 500 Paar Schuhe will das Unternehmen verkaufen. Im vorigen Jahr kletterte der Umsatz um fast 20 Prozent auf zwei Millionen Euro. Lästerten Freunde Wiedekings beim Einstieg in die Schuhbranche noch vom „teuren Hobby“, so liegt die Vorsteuerrendite heute bei zehn Prozent, sagt Hermann Hoste. Der 66-Jährige ehemalige Salamander-Vorstand berät die nicht gerade branchenkundigen Eigentümer, der Gewinn wird ins Unternehmen reinvestiert.

Davon ist im in die Jahre gekommenen Backsteinbau vor den Toren Budapests wenig zu sehen. Im zweiten Stock des Fabrikgebäudes arbeiten die Schuster. Im Erdgeschoss werden Klaviere gestimmt, im Keller lagern Särge. Das Mobilar hat wohl schon den Volksaufstand von 1956 erlebt. Eine 100 Jahre alte Singer-Nähmaschine schnurrt vor sich hin, und im Büro wird noch auf einer Robotron aus DDR-Produktion getippt.

Die Eigentümer sind sparsam. Unternehmensberater waren auch schon im Haus und sollten analog zur Autoindustrie Konzepte zur Steigerung der Produktivität erstellen. In der Manufaktur waren diese schlicht nicht anwendbar. „34 Paar pro Tag, mehr ist nicht drin“, sagt Hoste. Das Produkt der museumswürdigen Fertigung kann sich sehen dabei lassen: handgefertigte, klassische Herrenschuhe, die den Vergleich mit den Konkurrenten wie Alden, Church oder Laszlo Vass nicht zu scheuen brauchen. Selbst Ferdinand Piëchs Gattin hat neulich bei Dinkelacker Schuhe gekauft.

Die Gegner des Porsche-Chefs, die sich gegen den wachsenden Einfluss von Porsche bei Volkswagen sträuben – sei es Betriebsratschef Bernd Osterloh oder Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff – sollten auf der Hut sein: In Wiedekings Nobeltreter ist mit drei Schrauben eine Stahlkante eingearbeitet. Offiziell dient dies zum Schutz der Schuhspitze, aber man könnte sie auch zum Tritt vors gegnerische Schienenbein gebrauchen.

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