Werftarbeiter in Polen
Die Werft und ihr Wurmfortsatz

1989 erzwangen Danzigs Werftarbeiter mit ihrem Anführer Lech Walesa per Streik die Wende in Polen. Nun bangen sie um ihre Jobs. Für ihren Feind halten sie jene Freiheit, für die sie einst so kämpften.

DANZIG. Funken regnen in hohem Bogen vom Rumpf der "Zephyr" auf den Boden. Wieder hat Andrzej eine Naht fertig. Blau und weiß ragen die Aufbauten des Frachters über seinem gelben Helm in den Himmel über Danzig. Der Schweißer ist sauer. Nicht, weil eigentlich schon seit einer Stunde Schichtende ist. Sondern weil dieser Frachter der letzte sein könnte, den Andrzej und seine Kollegen auf der Danziger Werft zusammenschweißen: "Wenn unsere Regierung nichts tut, ist dies wohl unser letzter Auftrag."

Europas berühmtester Schiffbaubetrieb steht vor dem Aus. Die Danziger Werft war die Wiege der ersten freien Gewerkschaft im Ostblock - der Solidarnosc. Sie und ihr Führer Lech Walesa trotzten per Streik Polens Kommunisten die ersten freien Wahlen hinter dem Eisernen Vorhang ab. Die fanden am 4. Juni 1989 statt, vor genau 20 Jahren. Wenig später regierte in Polen die erste nicht-kommunistische Regierung des Warschauer Pakts. Ohne den Mut der Werftarbeiter von Danzig wäre im November 1989 in Berlin die Mauer kaum gefallen.

Danzigs Werftarbeiter waren die Helden der Freiheit. Nun drohen sie Opfer der Freiheit zu werden, die sie einst erkämpften. So jedenfalls sehen das Männer wie Andrzej, der Schweißer, oder Karol Guzikiewicz.

Der Vizevorsitzende des Betriebskomitees der Solidarnosc bittet in einen Sitzungssaal, der einem Museum ähnelt. Streikfotos hängen an der Wand, wie das mit Lech Walesa auf einem Laster, vor sich das verrammelte Werkstor, hinter ihm die Arbeiter, 1980 war das. Dann sind da die alten Solidarnosc-Flaggen, die Streikplakate, in Holzrahmen haltbarer gemacht. Karol Guzikiewicz, 45, war damals überall mit dabei.

Damals waren die Kommunisten die Gegner, Leute wie General Wojciech Jaruzelski, der 1981 das Kriegsrecht ausrief. Nun sitzen die Gegner im fernen Brüssel, bei der EU. Die Schlimmste, das sei Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes, schimpft Guzikiewicz. "Ihr Ziel ist es, Polens Werften kaputtzumachen", da ist er sich ganz sicher.

Und das Warum schiebt er auch gleich nach: Während die "alten" EU-Staaten wie Deutschland inmitten der Wirtschaftskrise ihre Schiffbauindustrie retten wollten, solle Polen seine Werften dichtmachen. Guzikiewicz ist wütend, das rote Solidarnosc-Logo auf seinem Polo-Hemd hebt und senkt sich, wenn er Luft holt. Wie alles ende, das sei ja klar: "Immobilienspekulanten wollen auf dem Werftgelände Luxusapartments, Nobelhotels und Edelboutiquen bauen."

Neelie Kroes würde das natürlich anders sehen. Ihr geht es um fairen Wettbewerb, und der habe in Danzig eben nicht immer gegolten. Polen habe zu viele Subventionen an seine Werften gezahlt, findet die EU-Kommissarin. Nun soll die Werft Beihilfen von 720 Millionen Zloty (163 Millionen Euro) zurückzahlen. Zudem soll Danzig zwei seiner drei Schiffsbauanlagen, der Hellinge, stilllegen - um zu sparen. Und es gibt eh mehr als genug Werften in Europa.

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