Werkverträge
Daimler-Betriebsrat geht auf die Barrikaden

Der Autobauer Daimler steht wegen Scheinwerkverträgen in der Kritik. Es laufen Prozesse. Jetzt haben die Stuttgarter soziale Mindeststandards für Werkverträge festgelegt – die Arbeitnehmervertreter laufen Sturm.
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StuttgartBeim Autobauer Daimler sind Verhandlungen zwischen Vorstand und Gewerkschaft über die Vergabe von Werkverträgen gescheitert. In den mehrtägigen Verhandlungen sei deutlich geworden, dass der Konzern „in erster Linie Kosten drücken will und ihn faire Bedingungen nicht wirklich interessieren“, erklärte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm am Montag. Daimler beschloss ohne den Betriebsrat Standards für die Vergabe von Werkverträgen, wie das Unternehmen mitteilte. Diese gingen über bereits bestehende rechtliche und vertragliche Regelungen hinaus.

Bei Daimler arbeiten nach Angaben des Betriebsrates rund 6300 Leiharbeiter; zur Anzahl der Beschäftigten in Werkverträgen gebe es keine klaren Angaben. Insgesamt gehören demnach 168.000 Menschen zur Belegschaft. Zahlen gibt es allein für die Zentrale mit 12.000 Beschäftigten – hier sind laut Betriebsrat 1900 Menschen in Verwaltung, Forschung und Entwicklung in Werkverträgen beschäftigt.

„Es geht aber zunehmend auch um Arbeitsplätze in der Logistik und in der Produktion“, sagte Betriebsratssprecherin Silke Ernst. Der Betriebsrat habe Mindeststandards bei der Vergütung gefordert, erklärte Gesamtbetriebsratschef Klemm. Auch Werk- und Dienstleistungsunternehmen müssten Tarifverträge anwenden – die Beschäftigten also nach jeweils gültigem regionalen Tarifvertrag bezahlen.

Das Unternehmen dagegen beschränke seine Anforderung an Fremdfirmen darauf, dass diese den untersten Mindestlohn der jeweiligen Branche zahle. Dies garantiere keine „faire und angemessene Vergütung“, kritisierte Klemm. Unter bestimmten Bedingungen könnten Menschen, die im Auftrag von Daimler arbeiteten, auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Sie hätten keinen Anspruch auf Urlaub oder Urlaubsgeld. Zudem wollte der Betriebsrat die Leiharbeit im Betrieb „weiterhin begrenzen“". Das Unternehmen dagegen wolle die Leiharbeitsquote „künftig deutlich erhöhen“, wie Klemm erklärte. Hier sei keine Einigung gefunden worden.

Daimler betonte am Montag, das Unternehmen übernehme mit den im Alleingang beschlossenen „sozialen Grundsätzen“ eine Vorreiterrolle. Diese Grundsätze gelten demnach für Firmen, die Aufträge vom Autobauer bekommen wollen. Es gehe „unter anderem um Arbeits- und Gesundheitsschutz“ und um Standards bei der Unterbringung der Beschäftigten von Fremdfirmen. Diese müssten mindestens die Einstiegsvergütung des regionalen Branchentarifvertrags zahlen. Die Einhaltung der Grundsätze werde vom Unternehmen stichprobenartig überprüft. Die Arbeitnehmervertreter würden „informiert“.

Werkverträge seien „seit Jahrzehnten unverzichtbare Instrumente für die Arbeitsteilung und den Erfolg der deutschen Wirtschaft“, erklärte Daimler. Das Unternehmen lehne „jeden Missbrauch ab“, teilte Personalvorstand Wilfried Porth mit.

Autohersteller wie Daimler vergeben Werkverträge, die nicht zum Kerngeschäft gehören. Dazu gehören Reinigungsarbeiten, aber auch Aufgaben in der Logistik oder in der Kantine. Der schwäbische Autohersteller war allerdings in die Kritik geraten, weil er nach Recherchen des SWR über Werkverträge an den Fließbändern Menschen beschäftigen soll, die ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken müssten. Daimler hatte der Darstellung des Senders widersprochen.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Mindeststandards nur für die auf dem Betriebsgelände Beschäftigten. Das ist der blanke Hohn. Die Mehrzahl der auf öffentlichen Straßen bewegten Testautos, steuern hunderte von Fahrer, die außerbetrieblich bei Werksvertragsnehmern beschäftigt sind. 3-Schichtbetrieb und bei jedem Wetter Kilometer fressen. Mit einem Lohn, bei dem jeder Leiharbeiter von Daimler nicht mal morgens aufstehen würde.
    Diese Fahrer fallen nicht unter die ausgehandelten Standards. Diese Leute bringen durch jeden gefahrenen Kilometer einen Großteil der Entwicklung, und somit den gesamten Konzern voran.
    Trotz, dass man sie dringend benötigt, werden sie zu einem Hungerlohn beschäftigt.
    Die Moral der Arbeitnehmer ist völlig am Boden, die Qualität sinkt, und der zahlende Kunde kann sich an tollen Rückrufaktionen erfreuen.
    Sie sägen am Ast aud dem sie sitzen.

  • An Horstel und einige Andere:
    Werkverträge und Leiharbeit sind nicht die Folge von einem "bescheuerten Kündigungsschutzgesetz, dem Betriebsverfassungsgesetz und teilweise hirnrissigen Bundesarbeitsgerichtsurteilen", sondern von maximalem Profitstreben und von der Unfähigkeit vieler verantwortlicher Personaler und des Managements nachhaltige Personalpolitik zu betreiben. Es sind die selben Manager und Personaler, die die Leiharbeit und Werkverträge als unverzichtbares Non plus Ultra verkaufen, die gleichzeitig über fehlende Fachkräfte jaulen. Es werden Produkte und Fertrigungslinien geplant, bis ins kleinste Detail, aber man ist unfähig sich Gedanken darüber zu machen, wie man langfristig sein Personal beschafft und disponiert. So lange Unternehmenspolitik und Produktionsstrategien durch Legasteniker gemacht werden, die frisch von ihrem Studium in die werke gekommen sind, ohne mal tatsächlich an der Wertschöpfung teilgenommen zu haben, werden genau diese Leute auch immer von der Wertschöpfung reden, wie die Blinden über die Farben. Der Mensch als solcher interessiert sie nicht, und der Steuerzahler, der diese Schweinereien finanzieren muss (Aufstocker) erst recht nicht. Gleichzeitig noch heulen, wenn die Steuern oder Rentenversicherungsbeiträge erhöht werden müssen, weil durch die Niedriglöhner weniger oder nichts reinkommt.
    "Nach vorläufiger Hochrechnung haben im September 5,12 Mio erwerbsfähige Menschen Lohnersatzleistungen nach dem SGB III oder Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem SGB II erhalten."
    Unternehmen wie Daimler und ihre "Personaler" sind es, die unser Land kaputt machen. Auf unsere Kosten machen die sich fett und drohen zum Dank mit Abwanderung. Lächerlich.

    Wie sagte schon Scott Adams:
    "Führungsetage ist der Versuch der Natur, Idioten aus dem Produktionsprozess rauszuhalten".
    Leider ist der Versuch gescheitert.
    Bei Daimler jedenfalls.

  • Na und, dann geht dieses Unternehmen nach USA !

    Alles nur blödsinnige immer wiederkehrende Behauptungen, von kranken LOBBYISTEN!

    Warum geht ein Unternehmen ins Ausland ? Na, da reichen die 2000 Zeichen nicht aus.

    Diese armseligen Machenschaften sind das Ergebnis, von fehlenden Leitplanken im Arbeitsrecht !

    DEREGULIERUNGEN von ROT/GRÜN und die Einführung des BILLIGLOHN-Sektor in Deutschland, Rede in DAVOS 2005,G.Schröder, alles nachlesbar!

    Die kranken "Regelungen" müssen u.a. im ARBEITSRECHT beseitigt und unter harter STRAFE gestellt werden !!!

    Auf Seiten der ARBEITNEHMER-Vertreter, Betriebsrat und Gewerkschaften, sind die zögerlichen Reaktionen nicht zu verstehen, in den letzten Jahren !!! Etwas LAUTER und konsequenter darf es schon sein !

    Verdammt noch mal, wenn die "POLITIK" durch die LOBBY noch ein bisschen mehr DEREGULIERT, sind wir im...... 19. Jahrhundert !

    Mein Asozialster Spruch aus der "POLITIK" war/ist :

    Alles ist sozial, was Arbeit schaft !

    Ja, die perverse AUSBEUTUNG!

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