Wichtige Verhandlungsrunde
Notoperation in Detroit

Seit acht Wochen verhandeln GM, Ford und Chrysler mit der Gewerkschaft UAW über Betriebsrenten, Löhne und Kosten für die Krankenversicherung – bislang erfolglos. Am Freitag läuft der Rahmentarifvertrag aus. Branchenexperten sprechen von der wichtigsten Verhandlungsrunde in der Geschichte des US-Autobaus; für die Autokonzerne geht es ums Überleben.

NEW YORK. Die Uhr tickt, die Frist läuft aus, doch ein Ende des Tauziehens ist nicht abzusehen. Seit acht Wochen sitzen die Verhandlungsführer der US-Autoindustrie und die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) täglich zusammen: Sie beraten über Stundenlöhne und Jobgarantien, über den Umgang mit milliardenschweren Gesundheitsverpflichtungen – und damit über die Zukunft des maroden Auto-Mekkas Detroit. „Wir stecken in einer sehr kritischen Phase“, sagt Diana Tremblay, Chefunterhändlerin von General Motors (GM): „Ich denke, das gilt für alle Konzerne.“

Die über vier Jahre laufenden Tarifverträge, die mehr als 720 000 aktive und im Ruhestand befindliche Mitarbeiter bei GM, Ford und Chrysler betreffen, laufen am heutigen Freitag aus. Danach wären Arbeitsniederlegungen theoretisch möglich. Das sei eine Option, hatte Gewerkschaftschef Ron Gettelfinger zu Verhandlungsbeginn angedroht. Branchenexperten rechnen aber nicht damit. „Streiks in dieser Phase wären absolut tödlich“, warnt David Gregory, Arbeitsrechts-Professor an der St. John’s University in Queens. Sie könnten das bestreikte Unternehmen unmittelbar in den Konkurs führen. Autoindustrie und UAW haben vereinbarte Fristen in der Vergangenheit bereits mehrfach überschritten und den laufenden Vertrag dann einfach verlängert. Ein solches Szenario gilt auch 2007, dem vermutlich schwächsten US-Autojahr seit 1998, als sehr wahrscheinlich.

Knackpunkt der Verhandlungen sind die galoppierenden Krankenversicherungskosten für die Mitarbeiter und Betriebsrentner. Auf jedes Fahrzeug, das in Detroit produziert wird, entfallen inzwischen mehr als 1 000 Dollar Kosten allein für die Gesundheitsvorsorge. Die Autoindustrie sucht deshalb nach einem Befreiungsschlag, um dieser Kosteninflation Herr zu werden. Über 90 Mrd. Dollar an Zahlungsverpflichtungen lasten inzwischen auf den Bilanzen von GM, Ford und Chrysler. In den Verhandlungen wollen die „Big Three“ deshalb erreichen, dass die Gesundheits- und Pensionsverpflichtungen in deutlich reduziertem Ausmaß auf einen von der Gewerkschaft verwalteten Fonds übertragen werden. Sollte der Plan umgesetzt werden, stiege die UAW zu einem der größten Anbieter für Gesundheitsvorsorge in den USA auf.

Drastisch steigende Beiträge zur Krankenversicherung sind ein zentrales und ausuferndes Problem nicht nur für die Autoindustrie. Anders als in Deutschland decken in den USA viele Arbeitgeber die Lebensrisiken ihrer Beschäftigten ab. Nach dem Prinzip des „Welfare Capitalism“ (Wohlfahrtskapitalismus) gehörten Betriebsrenten und Zahlungen zur Krankenversicherung in den vergangenen Jahrzehnten zur Grundausstattung vieler Jobs. Dabei erstritt die UAW in erfolgreichen Autojahren für ihre Mitglieder die zeitweise besten Konditionen im ganzen Land: nicht nur hohe Stundenlöhne und Betriebspensionen, sondern auch eine Krankenversorgung, die auf Familienmitglieder und Hinterbliebene ausgedehnt wurde.

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