Widerstand gegen Übernahme des Stahlkonzerns
Erdemir soll türkisch bleiben

Der Streit um die geplante Privatisierung des türkischen Stahlproduzenten Erdemir spitzt sich zu. Ein einheimisches Bieterkonsortium will versuchen, den größten Stahlkonzern des Landes in türkischem Besitz zu halten.

ISTANBUL. Auch Gewerkschaften und Oppositionspolitiker sträuben sich gegen ausländische Investoren. Kern der Kontroverse ist die Grundsatzfrage, wie weit sich der EU-Beitrittskandidat Türkei für ausländische Investoren öffnen soll.

Die türkische Regierung will sich in einem Blockverkauf von 49,3 Prozent der Erdemir-Anteile trennen. Das Aktienpaket hat einen Marktwert von rund 1,2 Mrd. Dollar (980 Mill. Euro). 50,7 Prozent der Unternehmensanteile befinden sich in Streubesitz. Nach Angaben der Privatisierungsbehörde ÖIB haben sich 13 Interessenten für das bis zum 24. September laufende Bieterverfahren qualifiziert. Darunter sind der weltgrößte Stahlkonzern Mittal, der europäische Branchenführer Arcelor, die niederländisch-britische Corus Group und Posco aus Südkorea.

Die in der Schwarzmeerstadt Eregli beheimatete Erdemir beschäftigt 7500 Arbeitnehmer und produzierte 2004 mehr als 3,5 Mill. Tonnen Stahl. Erdemir ist damit in Europa die Nummer neun. Zuletzt erwirtschaftete der Konzern bei umgerechnet 3,3 Mrd. Dollar Umsatz einem einen Nettogewinn von 470 Mill. Dollar.

Die Regierung macht keinen Hehl daraus, dass sie einen ausländischen Käufer bevorzugen würde. Der Chef der Privatisierungsbehörde ÖIB, Metin Kilci, meint: „Wir wären mehr als glücklich, wenn ein ausländisches Unternehmen diese Auktion gewinnt. Dies ist ein echter Test für die Türkei.“ So sieht das, wenngleich mit anderem Vorzeichen, auch Rifat Hisarciklioglu, der Vorsitzende des einflussreichen Verbandes der türkischen Handelskammern und Warenbörsen (TOBB). Er hat ein Konsortium von 33 Firmen organisiert, das bei der Auktion mitbieten will. Die „Eregli Joint venture Group“ (EOGG), der überwiegend Erdemir-Kunden angehören, hat große Pläne mit dem Stahlkonzern: bis 2010 soll die Produktion auf 15 Mill. Tonnen hochgefahren werden. „Damit wäre Erdemir ein Global player“, sagt Hisarciklioglu.

Unter den Erdemir-Abnehmern, zu denen vor allem die schnell wachsende türkische Automobilbranche und die boomende Hausgeräte-Industrie gehören, gibt es die Befürchtung, ein ausländischer Investor werde den Konzern auf Export trimmen und den heimischen Markt vernachlässigen. „Ein einheimischer Besitzer würde unsere Interessen besser berücksichtigen“, glaubt Nuri Özdemirel, CEO des Auto-Zulieferers Cemtas Celik, der an dem EOGG-Konsortium beteiligt ist.

Die Stahlarbeitergewerkschaft Celik-Is will den geplanten Verkauf sogar gerichtlich anfechten. Kontroversen gibt es auch um andere Privatisierungsprojekte, wie den Einstieg einer saudischen Gruppe bei Türk Telekom. Der kemalistische Oppositionsführer Deniz Baykal wirft der Regierung vor, sie betreibe den „Ausverkauf“ des Landes. Vielen Kemalisten gelten die Privatisierungen als Verrat am Erbe des Staatsgründers Kemal Atatürk, aus dessen Ära die meisten Staatskonzerne stammen.

Auch gegen den wachsenden ausländischen Einfluss im türkischen Bankensektor gibt es Widerstände. Durch Übernahmen wie beispielsweise den Einstieg der Fortis-Gruppe bei der Disbank hat sich der Anteil ausländischer Kreditinstitute am türkischen Bankenmarkt in diesem Jahr von 3,4 auf 13,4 Prozent vergrößert. Der Vorsitzende der IHK Ankara, Sinan Aygün, sieht darin ein Risiko für die Stabilität des Kreditsektors und fordert, ausländische Investoren stärker zu kontrollieren. Keinesfalls dürften Ausländer bei der geplanten Privatisierung der beiden verblieben Staatsbanken Ziraat und Halk Bank zum Zuge kommen, fordert Aygün. Anders sieht es der türkische Notenbankchef Sürreya Serdengecti: „Wenn wir ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum wollen, brauchen wir ausländische Investitionen.“

Weniger Staat

Privatisierungsvorhaben: In der Türkei gelten sie als eine wichtige Säule des wirtschaftlichen Reformprogramms. Es wird vom Internationalen Währungsfonds unterstützt und soll helfen, die türkische Staatsverschuldung zu reduzieren und dem Staat den Weg in die Europäische Union zu ebnen. Neben dem Stahlriesen Erdemir stehen in diesem Jahr der Raffineriekonzern Tüpras, das Petrochemieunternehmen Petkim und die staatliche Lotteriegesellschaft auf der Privatisierungsliste.

Verkäufe: Seit 2003 wurden 65 Staatsunternehmen und mehr als 800 Liegenschaften privatisiert. Das brachte 3,2 Mrd. Dollar in die Staatskasse. Für dieses Jahr rechnet Metin Kilci, Chef der „türkischen Treuhand“ ÖIB, mit bis zu drei Mrd. Dollar. Der Verkauf von 55 Prozent der Türk Telekom im Juli habe dem Privatisierungsprogramm neuen Schwung gegeben.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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