Wie ABB gegen Bestechung in den eigenen Reihen kämpft
Das moralische Risiko

ZÜRICH. April 2002: Rainer Schreiber, Chef der Bonner Stadtwerke, geht die Treppe vor dem rosafarbenen Rathaus der ehemaligen Hauptstadt hinunter. Polizisten warten auf ihn. Sie nehmen den zweitmächtigsten Mann der Stadt fest. Handschellen klicken.

Einige Wochen zuvor hatte Schreiber an seinem Besprechungstisch gesessen und Vertreter von Firmen empfangen, die sich um den Auftrag für die Modernisierung des Heizkraftwerks Bonn-Nord bewarben. Letzter Kandidat: der Schweizer Anlagenbauer ABB.

Was sich da abspielte, beschreibt Peter Finger, Kommunalpolitiker der Grünen, später so: „Unter Leitung von Herrn Schreiber wurde verhandelt. Und ABB hatte plötzlich das günstigste Angebot. Also, das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.“ Die Staatsanwaltschaft sieht das genauso – zumal inzwischen bei der Bank ABN Amro in Zürich ein Konto Schreibers mit 1,5 Millionen Euro Guthaben entdeckt wird.

Dies ist einer der Bestechungsfälle, die ABB erschütterten. Heute wird der Konzern nicht mehr in einem Atemzug mit Volkswagen, Infineon und Commerzbank genannt, denn der Schweizer Anlagenbauer ist offensiv gegen Korruption und Co. vorgegangen. „Null Toleranz“ lautete die Vorgabe des ehemaligen ABB-Chefs Jürgen Dormann, die auch sein Nachfolger Fred Kindle beherzigt.

Die harte Linie zeigt Wirkung: „ABB hat konsequent gearbeitet“, sagt Josef Wieland, Professor am Institut für Wertemanagement der Fachhochschule Konstanz. Auch Jermyn Brooks, Direktor der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, bestätigt: ABB sei gut vorangekommen, wenn es darum gehe, Schwachstellen und Einfallstore für Korruption zu beseitigen. Dass es überhaupt so weit kommen konnte und ABB in einige Bestechungsfälle verwickelt war, erklären Experten mit dem schlechten Vorbild, das Manager an der ABB-Spitze abgaben.

Februar 2002: Zwei Monate vor Schreibers Verhaftung gibt ABB, ein Schweizer Industriegigant mit damals mehr als 120 000 Mitarbeitern, einen Vorjahresverlust von 700 Millionen Dollar bekannt. Zwei Chefs waren gegangen: Percey Barnevik hatte sich seinen Abgang mit 148 Millionen Schweizer Franken versüßen lassen. Göran Lindahl hatte immerhin noch 85 Millionen Franken erhalten. Der Fisch stank vom Kopf sozusagen. Oder wie Brooks von Transparency International feststellt: „Der Schock über die großzügigen Pensionszusagen traf ABB-Mitarbeiter und -Beobachter tief.“ Die Moral der Vorstandsetage färbte ab auf das Verhalten kleinerer Entscheidungsträger. „Das Ansehen des Weltkonzerns“, sagt Brooks, „sank rapide.“

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