Wie der russische Gasgigant Gazprom Konkurrenten verdrängt
Kampf mit harten Bandagen

Mit einer skurrilen Argumentation in einer Klageschrift versucht der Monopolist Gazprom, sich einen unliebsamen Konkurrenten einzuverleiben – und hat dabei offenbar Erfolg.

MOSKAU. Gerichtsverfahren gewähren tiefe Einblicke in die Organisation von Großkonzernen. Nicht nur im Falle des bankrotten US-Energiekonzerns Enron war das so, beim russischen Gasgiganten Gazprom ist das nicht anders. So werden dort offenbar die wichtigsten Entscheidungen von Putzfrauen getroffen. Das jedenfalls legt die Klageschrift der Gazprom-Hausjuristen in einem Millionen-Streit nahe. Denn diese schreiben zur Begründung, warum sie die Klage auch nach mehr als zehn Jahren nicht für verjährt halten: „Wenn über die Verletzung der Rechte einer Organisation die Putzfrau erfährt, heißt das nicht, dass es auch die juristische Person erfahren hat.“

Mit dieser skurrilen Argumentation versucht der Monopolist, sich einen unliebsamen Konkurrenten einzuverleiben – und hat dabei offenbar Erfolg: Vor dem Moskauer Schiedsgericht setzte der weltgrößte Gasförderer durch, dass – trotz Verjährung und bisher abschlägiger Urteile – dem kleinen Produzenten Northgas die 1993 erteilte Förderlizenz entzogen wird. Sollte Northgas in der Berufung nicht doch Recht bekommen, müsste die Firma ihre Produktion einstellen.

Gazprom hätte einen Konkurrenten erledigt, der zwar viel kleiner ist, aber auch wesentlich effizienter. Denn die 1993 gegründete Firma mit vier Mrd. Kubikmetern Gasreserven (Gazprom: 28,8 Bill. Kubikmeter) förderte 2003 mit ihren 290 Mitarbeitern 13,8 Mill. Kubikmeter Gas, während Gazprom mit 330 000 Mitarbeitern auf 545 Mrd. Kubikmeter Förderung kam. Dabei liegen die Förderkosten des David gerade einmal bei 1,8 Dollar pro 1000 Kubikmeter – obwohl er aus 3000 Meter Tiefe pumpt. Bei Goliath Gazprom sind die Förderkosten mehr als doppelt so hoch trotz besserer Felder.

„Wegen unserer Effizienz sind wir ein Leckerbissen für Gazprom und sollen geschluckt werden“, sagt Northgas-Chefanalystin Larissa Slawinskaja. „Gazprom wollte deshalb auch keine Kaufverhandlungen, sondern eine Übernahme per Gerichtsbeschluss.“

Northgas wurde 1993 als Vorzeigeobjekt neuer russisch-westlicher Kooperation gegründet mit 51-Prozent-Anteil von Gazprom sowie Beteiligungen des US-Versorgers Bechtel und der englischen Firma Redi Ltd. des russisch-aserbaidschanischen Unternehmers Farchad Achmedow. Sechs Jahre lang bestand die kleine Firma nur aus einer noch aus Sowjetzeiten stammenden Förderlizenz von Gazprom – sowie einem Hotelzimmer in der Polarstadt Nowyj Urengoj, aus dem ein Generaldirektor, ein Buchhalter und ein Referent sie immer tiefer in die Schulden verwalteten. 1999, ein Jahr nach der schweren russischen Finanzkrise, nahm Achmedow Geld in die Hand, kaufte Bechtels Anteil und investierte in Bohrgestänge, Rohre und Straßen, wodurch Gazproms Anteil zur Minderheit bei Northgas schmolz. „Niemand hat geglaubt, dass wir das schaffen. US-Experten rechneten mit Kosten von 400 Mill. Dollar. Bei uns strömte aber das erste Gas nach nur zweieinhalb Jahren und 130 Mill. Dollar Investitionen“, erzählt Achmedow, der inzwischen im Oberhaus des russischen Parlaments sitzt.

Dennoch reicht seine politische Macht nicht zum Schutz seines Davids vor der Übermacht Goliaths. Gazprom hat Northgas bereits immer wieder die Einleitung des geförderten Gases in die eigenen Pipelines verweigert. Die Schlacht vor Gericht ist jetzt der letzte Schritt des von Gazprom-Chef Alexej Miller angekündigten „Zurückholens verlorenen Eigentums“.

Northgas ist dabei kein Einzelfall im Kampf des Giganten gegen die Kleinen: Dem größten unabhängigen Erdgasproduzenten, Novatek, verbot Gazprom zuerst, von der Linde AG eine mehr als eine Mrd. Euro teure Raffinerie bauen zu lassen. Zudem kämpft der Monopolist gegen eine 25-prozentige Beteiligung der französischen Total an Novatek. Zuvor hatte Gazprom bereits dem Gasproduzenten Itera seine Fördertochter Purgas abgeluchst. Mit dem Multi BP ringen die Moskauer um die Vorherrschaft über ein großes Gasvorkommen.

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