Wie die Gewerkschaften beim Essener Stromkonzern Personalpolitik betreiben
Ein bisschen VW bei RWE

Im Aufsichtsrat des Energiekonzerns RWE ist ein heftiger Streit über den neuen Personalvorstand Alwin Fitting entbrannt. Allianz-Manager Paul Achleitner habe in einem Schreiben an den Chef des Kontrollgremiums, Thomas Fischer, den „wachsenden Einfluss der Gewerkschaften auf die Personalpolitik“ gerügt, erfuhr das Handelsblatt aus Aufsichtsratskreisen. Der Vorgang weist Parallelen zum „Fall Volkswagen“ auf. Ein Blick hinter die Kulissen.

DÜSSELDORF. Es ist schwül an diesem Mittwochnachmittag, die Wettervorhersagen kündigen für den Abend heftige Gewitter an. Im 26. Stock des RWE-Hauptquartiers, 120 Meter über dem Essener Stadtzentrum, hat sich der Aufsichtsrat des Energiekonzerns an diesem heißen Juni-Tag zu einer außerordentlichen Sitzung eingefunden. Die Kontrolleure, darunter der frühere RWE-Vorstandsvorsitzende Dietmar Kuhnt, der ehemalige Bayer-Lenker Manfred Schneider und Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Carl-Ludwig von Boehm-Bezing, haben kaum Platz genommen, da beginnt es auch schon zu krachen.

Für das erste Grollen sorgt Thomas Fischer. Der WestLB-Chef leitet das RWE-Kontrollgremium seit Dezember. Aus seinen Unterlagen zieht er einen Brief mit brisantem Inhalt. Absender ist Fischers Aufseherkollege Paul Achleitner. Der Allianz-Finanzvorstand kann an der kurzfristig einberufenen Sitzung nicht teilnehmen. Er will aber unbedingt zum Tagungsordnungspunkt „Personalangelegenheiten“ seine Meinung äußern.

Also berichtet Fischer aus dem Brief. In ungewohnter Offenheit beklagt sich der Allianz-Manager darin über den wachsenden Einfluss der Gewerkschaften und den Ablauf der Kandidatenkür, er fühle sich schlecht informiert. „Aus der Zeitung habe ich von der Personalie erfahren“, lässt er verbreiten.

Alle Anwesenden wissen sofort, was sich hinter der Schimpftirade verbirgt. Die Gewerkschaften wollen an diesem Tag ihren Favoriten Alwin Fitting als neuen Personalvorstand und Arbeitsdirektor der RWE AG durchdrücken – gegen die Interessen der Kapitalvertreter. Und ohne dass sich Fitting vorher dem Kontrollgremium auch nur ein einziges Mal vorgestellt hätte.

Die Episode ist kein Einzelfall. Regelmäßig beharken sich die drei großen Fraktionen – die Vertreter der Wirtschaft, der Arbeitnehmer und der kommunalen Aktionäre – im Aufsichtsrat des größten deutschen Stromkonzerns (siehe: „Die Tücken bei RWE“). Vorstandschef Harry Roels hat das in seinen ersten beiden Amtsjahren mehrmals leidvoll erfahren. Ob bei der neuen Konzernstruktur oder der Suche nach einem Chef für die Vertriebstochter RWE Energy – kaum eine wichtige Entscheidung passiert ohne Ärger das Gremium. Immer wieder blockiert sich der Konzern so selbst, wichtige Entscheidungen werden aufgeschoben oder münden in schwammige Kompromisse. Allzu oft wird dabei der Anschein erweckt, dass in Wirklichkeit die Gewerkschaften das Unternehmen regieren und auch über das Führungspersonal entscheiden – Ähnlichkeiten zu den Verhältnissen bei Volkswagen, wo derzeit die Auswüchse der Mitbestimmung offen zu Tage treten, sind dabei nicht ganz zufällig.

Wie in Wolfsburg geht es bei dem aktuellen Streit in Essen also auch um die Grundsatzfrage: Welche Macht dürfen Gewerkschaften und Betriebsräte im Vorstand der Konzerne haben?

Seite 1:

Ein bisschen VW bei RWE

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%