Wie die VW-Affäre in Tschechien ihren Lauf nahm – mit einem verwitterten Palast, einer guten Idee und Skoda-Manager Schuster
Die Prag-Connection

PRAG. Die Ruhe ist dahin: „Seit zwei, drei Monaten werde ich von diesem Hämmern, Bohren und all dem Krach geweckt“, erzählt Tomas, während er sich an diesem Morgen die zweite Flasche Bier genehmigt und damit eine unbestimmte Bewegung in Richtung des großen verwitterten Bauwerks macht, aus dem der Lärm kommt. Seine Jacke, die ihm diese Nacht auf der abgenutzten Holzbank als Kissen diente, faltet er sorgfältig zusammen und steckt sie in den fleckigen Rucksack, aus dem zwei weitere Bierflaschen und eine Schnapsflasche rausragen.

„Es ist ungemütlich geworden hier“, sagt der kleine, unrasierte Mann, dessen sonnengegerbtes, faltiges Gesicht mit der roten Nase von vielen Tagen und Nächten im Freien in Gesellschaft von Bier und Schnaps erzählt. Er könne das Gebäude auch nicht mehr als Versteck nutzen: „Zu viele Bauarbeiter, die jetzt hier herumlaufen.“ Seine Winterjacke, die er in einer Ecke des Gebäudeeingangs zwischen Werbeplakaten und alten Zeitungen aufbewahrte, sei weggekommen.

Das Bauwerk bringt nicht nur in das Leben des Prager Stadtstreichers Tomas Unruhe, sondern auch ins Leben einiger Menschen im 650 Kilometer entfernten Wolfsburg. Der verwitterte Palast, der einst ein Kloster und eine Kapelle beherbergte, steht am Anfang des Korruptionsskandals bei Europas größtem Autobauer Volkswagen. Die VW-Tochter Skoda wollte die älteste Bauruine Prags zu ihrer Hauptstadtrepräsentanz und einer kleinen „Autostadt“ nach Wolfsburger Vorbild ausbauen. Die Prager Firma F-Bel, an der der im Juni entlassene Skoda-Manager Helmuth Schuster und der ehemalige VW-Betriebsratschef Klaus Volkert beteiligt waren, hatte sich um den Auftrag beworben.

Offiziell ermittelt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs. Schuster könnte durch die Einschaltung mehrerer Firmen Gelder, die ihm nicht zugestanden hätten, auf private Konten weitergeleitet haben. Die Affäre nahm ihren Lauf, als die Commerzbank auf der Computerfestplatte eines entlassenen Mitarbeiters Dokumente über Schusters Firmengeflecht fand.

Welche Rolle spielte F-Bel dabei? Wie ist die Idee für eine Prager Autostadt entstanden? Was erhoffte sich Schuster davon? Warum ist das Projekt gescheitert? Das sind einige der Fragen, die die Ermittler interessieren.

Eine Ortsbesichtigung. Prag, Am Graben 12.

Im Erdgeschoss verkauft die tschechische Traditionsfabrik Moser Porzellan, Vasen und Weinkelche aus böhmischem Glas. Daneben ein Adidas-Geschäft, eine Geldwechselstube und ein Zeitschriftenkiosk. Darüber im zweiten Stock der Einkaufspassage „Cerna Ruze“ (Schwarze Rose) in der Prager Fußgängerzone residierte F-Bel. Heute erinnert noch ein goldenes Klingelschild an diese Zeiten und der Briefkasten, aus dem Reklame hervorquillt. Offiziell ist die Firma aufgelöst, die Räume leer, die Chefin des Unternehmens Dagmar Kalaskova – eine ehemalige Miss der Prager Universität, der man gute Beziehungen zu Schuster nachsagt – nicht auffindbar.

Im vierten Stock des Gebäudes, hat das Architektenbüro ADNS seine Büros – helle Räume mit viel Glas, Chrom und Holzbalken, die die Decke stützen. Die vier Männer, deren jeweils erster Buchstabe des Nachnamens den Firmennamen ergibt, haben sich einen Ruf als gute Baumeister erworben, wenn es um die Rekonstruktion historischer Gebäude geht. Sie haben daher auch die Hauptstadtrepräsentanz für Skoda entworfen.

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