Wiederbelebung
Chrysler: Der amerikanische Patient

Ein Tandem aus Sanierungsexperten der US-Regierung und Autoexperten von Fiat kann sich an der Wiederbelebung des insolventen US-Autobauers Chrysler versuchen. Mit einer staatlichen Überweisung von weiteren 6,6 Mrd. Dollar und einer Unterschrift von Fiat-Chef Sergio Marchionne hat der Dauerpatient Chrysler den neuerlichen Verkauf seines Konzerns besiegelt und damit den Gang aus der Insolvenz geschafft.

NEW YORK. Zuvor hatte der Oberste Gerichtshof der USA die letzten Einsprüche von Chrysler-Gläubigern gegen den Regierungs-Deal abgewiesen und damit den Weg für die italienisch-amerikanische Allianz frei gemacht.

Ein Vertreter des US-Finanzministeriums sprach von einem „stolzen Moment in der sagenumwobenen Geschichte von Chrysler“, doch eine Übergabefeier wie beim vorherigen Eigentümerwechsel (von Daimler auf den Finanzinvestor Cerberus) fand diesmal nicht erst statt. Das Prozedere beschränkte sich auf ein Händeschütteln in den Büros der Anwaltskanzlei Cadwalader, Wickersham & Taft, die im Auftrag des US-Finanzministeriums an der Rettung von Chrysler mitarbeitet.

Fiat-Chef Marchionne war nach der Unterschrift sichtlich bemüht, gar nicht erst Erleichterung aufkommen zu lassen. Schon eine zweite Chance zu erhalten sei in der hart umkämpften Autoindustrie selten, sagte er bei einem Begrüßungs-Meeting vor Mitarbeitern in der Chrysler-Zentrale Auburn Hills: „Eine dritte Chance wird es nicht geben“, warnte Marchionne, der fortan eine Doppelrolle als Vorstandschef von Fiat und Chrysler übernehmen will.

Autoexperten verweisen auf eine Herkulesaufgabe, an der zuvor bereits renommierte strategische Investoren (Daimler) sowie Finanzinvestoren (Cerberus) gescheitert sind. Sie sehen Chrysler trotz erheblicher Einsparungen im Zuge der Insolvenz in einer denkbar schlechten Ausgangsposition: Die Überkapazitäten im weltgrößten Automarkt sind dramatisch, die Verkäufe seit Monaten im Sinkflug, und das Image von Chrysler ist schwer beschädigt. Der Autokonzern hat unter der Regie von Cerberus kaum mehr in die Entwicklung seiner Modellpalette investiert und sitzt seit Monaten auf spritdurstigen Geländefahrzeugen und Pickup-Lastwagen, die landesweit die Höfe der Autohändler verstopfen. Selbst die höchsten Preissenkungen aller Zeiten haben nicht verhindern können, dass Chrysler im Mai nur noch 79 000 Autos verkaufte, fast 50 Prozent weniger als im Vergleichsmonat 2008.

Das Ende der Insolvenz heiße für Chrysler keinesfalls, dass alle Probleme gelöst seien, sagte Auto-Analystin Rebecca Lindland von IHS Gobal Insight. „Jetzt beginnt der schwere Teil“, warnt auch die „New York Times“: Der Wettbewerb in den USA sei derart brutal, dass Chrysler die Phase des Gläubigerschutzes „wie eine Fluchtburg" vorkommen müsse, schreibt die Zeitung. Zwar will Sergio Marchionne bereits in 90 Tagen einen neuen Produktplan vorstellen – mit ersten kleineren Fahrzeugen auch aus der Fiat-Entwicklung. Bis Chrysler eine runderneuerte Modellpalette vorweisen kann, wird es Branchenexperten zufolge aber noch mindestens zwei Jahre dauern. Die Analysten von IHS Global Insight gehen davon aus, dass der US-Marktanteil von Chrysler von aktuell 10,7 Prozent bis dahin auf sechs Prozent abrutschen könnte - unter das Niveau von Nissan, nur noch knapp vor Kia aus Südkorea.

Immerhin hat es der 84 Jahre alte Autokonzern über die Insolvenz geschafft, seinen Schuldenberg abzutragen und das Händlernetz einschneidend zu verkleinern: 789 Autohändler erhielten vor Wochen die Kündigung geschickt, viele von ihnen halten weiter Kontakt zu Anwälten.

Die neue Allianz mit Fiat ist ein wichtiger Meilenstein der US-Regierung bei ihrem chirurgischen Eingriff in die seit Jahren notleidende Autoindustrie des Landes. Neun Mrd. Dollar Steuergeld hat das Finanzministerium bisher allein in Chrysler gepumpt, um die Nummer drei im US-Automarkt am Leben zu halten. Im Gegenzug hält die Regierung künftig acht Prozent der Anteile an einem restrukturierten Chrysler-Konzern und nimmt Einfluss auf alle wichtigen strategischen Entscheidungen. Allein vier der neun Boardmitglieder werden von der Obama-Administration bestimmt. Darüber hinaus rückt der Demokrat James Blanchard ins Aufsichtsgremium – ein Ex-Gouverneur des Bundesstaats Michigan, der die Interessen der Gewerkschaft United Auto Workers vertreten soll. Fiat übernimmt fortan zwar die operative Führung bei Chrysler, kann aber mit nur drei Mitgliedern im Board die demokratische US-Riege nicht überstimmen. Perspektivisch können die Italiener ihren Chrysler-Anteil auf bis zu 51 Prozent aufstocken – allerdings erst, wenn auch der letzte Staats-Penny zurückgezahlt ist.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%