Windkraft
Trockenübungen auf allerhöchster See

Atomausstieg hin, Klimadebatte her: Nirgendwo ist der Widerstand gegen Windparks auf hoher See so erbittert wie in Deutschland. Umweltschützer, Fischer und Tourismusmanager treiben Konzerne wie Eon immer weiter raus aufs Meer - das kostet.

NORWICH/CUXHAVEN. Der Himmel leuchtet blau, die Sonne lacht, aber der Wind über der Nordsee bläst kräftig, und die 100 Meter hohen Windräder drehen sich stetig und schnell. Hier in Scroby Sands, einer Sandbank vor der Küste von Norfolk im Osten Englands, liefern 30 Turbinen Strom für über 40000 britische Haushalte, und das schon seit fünf Jahren.

Etwa 600 Kilometer weiter östlich, an der deutschen Nordseeküste bei Cuxhaven, rüstet sich Frank Mastiaux für seine Zeitreise. Er setzt einen weißen Helm auf, er zieht eine rot-graue Sicherheitsjacke an, er legt sich Sicherheitsgurte um. Dann erklimmt der Eon-Manager die 117 Meter hohe Röhre, per Leiter und Aufzug geht es ganz nach oben bis zur Turbine einer der modernsten Windkraftanlagen der Welt. Draußen hängt der Rotor in der Luft, Durchmesser: stolze 120 Meter.

Mastiaux, Chef von Eon Climate & Renewables, der für erneuerbare Energien zuständigen Konzernsparte, macht sich ein Bild von seinem ersten deutschen Offshore-Projekt. Die Zukunft soll es sein, das erste von vielen, vielen weiteren vor Deutschlands Meeresküsten. Theoretisch.

Denn während in Scroby Sands die Windkrafträder, die auch Eon gehören, seit Jahren zuverlässig Strom liefern, steht die Anlage in Cuxhaven auf dem Grünstreifen hinterm Deich - in Sichtweite des Hafens, wo Hunderte Neuwagen auf ihre Verschiffung warten. Im "Offshore-Testfeld" macht Eon nur Trockenübungen, ehe sich der Konzern in tiefere deutsche Gewässer wagt. "Wir sind noch am Lernen", sagt Mastiaux.

Und am Lehren. Denn in keinem anderen Land treffen die Riesenwindparks auf See auf größeren Widerstand als ausgerechnet im "grünen" Deutschland. Hier werden die mächtigen Propeller auf See behandelt wie Aussätzige im Mittelalter - Atomausstieg hin, Klimadebatte her. Das macht es Konzernen wie Eon immer schwerer, Windparks auf See zu bauen. In seltener Einheit machen Tourismusmanager, Umweltschützer und Fischer Front gegen die neue Technik. Und treiben so die Kosten in die Höhe.

In einem Moment, da sich Deutschlands Kernkraft durch Störfälle wie in Krümmel selbst diskreditiert, drohen die Proteste den Hoffnungsträger für einen grüneren und klimafreundlicheren Energiemix zu demontieren: Es ist die Offshore-Windtechnik, die die erneuerbaren Energien endlich aus der Nische rausholen und bei der Stromerzeugung Kohle, Gas und Kernkraft zurückdrängen soll.

Auf dem Papier sind Deutschlands Ziele ambitioniert. Hierzuwasser sollen bis zum Jahr 2020 Windanlagen mit einer Leistung von über 10000 Megawatt ans Netz, das entspricht zwölf großen konventionellen Kraftwerksblöcken. Großbritannien will gar noch mehr Windleistung nutzen, und auch die Niederlande oder Dänemark planen große Hochseewindparks. Insgesamt summieren sich die Pläne auf über 30000 Megawatt. Zurzeit sind europaweit allerdings nur 1500 MW installiert.

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