Wirtschaftsentwicklung
Nur der Nordirak lockt deutsche Firmen

Anschläge, Entführungen und eine unsichere politische Lage haben viel Deutsche Unternehmen bisher davor abgeschreckt, im Irak aktiv zu werden. Nun erwacht das Interesse langsam. Vor allem die kurdischen Gebiete sind attraktiv.

BERLIN. Deutsche Firmen reagieren noch zurückhaltend auf die verbesserte Sicherheitssituation im Irak. Eine Trendwende ist aber im Norden des Landes, in den kurdischen Gebieten, zu verzeichnen. „Seit mehreren Wochen spüren wir ein wachsendes Interesse“, sagte Michael Schmidt, Vorstand der Rotring Engineering AG aus Buxethude, die etwa kleinere Kraftwerke errichten. „Im Norden finden Unternehmen noch am ehesten normale Ausgangsbedingungen“, bestätigt auch der Irak-Experte des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK), Felix Neugart. Tatsächlich ist die Zahl der Anschläge in den Kurdengebieten im Vergleich zu anderen Regionen relativ gering.

Drei Entwicklungen haben zum vorsichtig wachsenden Interesse deutscher Firmen im Nordirak beigetragen: Erstens hat die kurdische Autonomiebehörde 2007 ein eigenes neues Investitionsgesetz beschlossen, das nach Ansicht des Rotring-Vorstands Schmidt die Rahmenbedingungen für ausländische Firmen erheblich verbessert hat. „Wir hoffen zusammen mit anderen deutschen Partner auf mehrere neue Kraftwerksprojekte in diesem Jahr“, betonte Schmidt. Partner sei etwa die Kraftwerkssparte von ABB.

Dass das wirtschaftliche Potential des Landes sehr groß sei, wenn erst einmal die Öldollars fließen und die Sicherheit der Arbeiter gewährleistet werden kann, versichert man auch bei Siemens, die ebenfalls an einem Kraftwerk im Irak bauen. Der Bedarf an Infrastrukturmaßnahmen sei riesig. In deutschen Industriekreisen heißt es, es fehle vor allem an dezentralen Kraftwerken, modernen Verkehrswegen und medizinischer Ausrüstung. Gefragt seien aber etwa auch Zementwerke, Knowhow bei der Lebensmittelkonservierung und Beratungsleistungen.

Als „Testphase“ für das Engagement der deutschen Wirtschaft im Irak wird im Bundeswirtschaftsministerium die Beteiligung deutscher Firmen an der „Rebuild Irak“–Messe in der jordanischen Hauptstadt Amman Anfang Mai gesehen. Vom Bund gefördert, sollen sich dort mindestens 20 bis 30 Mittelständler präsentieren. Eine Teilnahme an Industriemessen im Irak selbst lehnen die meisten deutschen Firmen aber aus Sicherheitsgründen noch ab.

Denn die jahrelange Anschlags- und Entführungsserie hat gerade bei den größeren Konzernen ihre Spuren hinterlassen. „Die Euphorie, die noch vor zwei Jahren herrschte, ist verflogen“, heißt es etwa bei Siemens. Deutsche Konzerne scheuten deshalb teilweise sogar die Teilnahme an Ausschreibungen der irakischen Regierung oder der kurdischen Autonomiebehörde für Infrastruktur-Projekte. Den Auftrag zu gewinnen, sei eine Sache, wird in Industriekreisen betont. Man könne wegen der Sicherheitslage aber oft nicht garantieren, dass die Projekte auch tatsächlich gebaut werden könnten. Die Lage im Norden sei besser.

Als zweite Voraussetzung für eine positivere wirtschaftliche Entwicklung gerade in den Kurdengebieten wird die Rückkehr vieler Exiliraker angesehen. „Mittlerweile sind viele Kurden aus Deutschland zurückgekehrt“, sagte etwa Kanaan Shekho, deutscher Honorarkonsul in Erbil. Darunter seien viele Kurden mit deutscher Staatsangehörigkeit. Weil viele der gut ausgebildete Iraker das Land nach dem Krieg 2003 verlassen hatten, fehlt es überall an Fachkräften. Die Rückkehr zumindest in die Kurdengebiete ist für deutsche Unternehmen relativ schwierig. Denn Firmen wie MAN betonen, dass sie aus Angst vor Anschlägen auch weiterhin keine Firmenmitarbeiter in den Irak schicken. Das Geschäft muss also über lokale Firmen oder Vertriebspartner wie die Hamburger Firma Terramar abgewickelt werden.

Drittens will nun auch das Auswärtige Amt eine diplomatische Präsenz in den kurdischen Gebieten aufbauen. Nach Informationen des Handelsblatts plant das Außenministerium, eine Außenstelle der deutschen Botschaft in der kurdischen Stadt Erbil zu eröffnen. Dazu fanden diese Woche bereits Gespräche mit der irakischen Regierung statt. Die Außenstelle soll vor allem konsularische Angelegenheiten wie etwa Visaanträge abwickeln.

Bis die deutsch-irakischen Wirtschaftsbeziehungen wieder die alten Milliarden-Höhen der achtziger Jahre erreichen, wäre es allerdings ohnehin ein weiter Weg. So sackte der deutsch-irakische Handel im vergangenen Jahr sogar noch weiter ab. Die deutschen Ausfahren sanken bis Ende November auf nur noch 297 Millionen Euro (Vorjahr 339,4). Die Importe aus dem Irak beliefen sich gar nur auf 35,1 Millionen Euro.

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