Wirtschaftskriminalität
Der Dieb sitzt in den eigenen Reihen

The enemy within - der Kriminelle sitzt bei vielen Firmen in den eigenen Reihen, und das vorzugsweise im Management. Wirtschaftskriminalität ist auf dem Vormarsch. Fast zwei Drittel aller Unternehmen sind binnen zwei Jahren schon davon betroffen gewesen, wie eine neue Studie zeigt. Für viele Firmen ist Prävention zwar ein Top-Thema. Nur: Kosten darf sie nichts.

FRANKFURT. Kommissar Zufall hat Konjunktur – sieben von zehn Betrügern, Dieben oder Korrupten werden durch sporadische Tipps eigener Mitarbeiter oder zufällig ertappt. Obwohl fast zwei Drittel aller Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität wurden und sich der durchschnittliche Schaden je Fall mit 4,3 Mio. Euro fast verdreifacht hat, ist Prävention kaum ein Thema in den Chefetagen, moniert die jüngste Studie der Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers (PWC) zum Thema Wirtschaftskriminalität.

Dafür befragte PWC 500 Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten. „Bekämpfung ist ein Topthema für Unternehmen, aber es darf nichts kosten“, lautete das Fazit der Forensiker. Viele Firmen wollen ihr Budget zur Abwehr von Straftaten nicht erhöhen, jedes fünfte Unternehmen will die Gelder laut Studie sogar kürzen.

Doch das könnte sie teuer zu stehen kommen. Denn laut dem jüngsten Urteil des Bundesgerichtshofs zum Thema (BGH 5 StR 394-08) müssen Compliance-Chefs künftig nicht nur für Lug und Trug und Korruption im eigenen Unternehmen geradestehen, sondern auch für Schäden, die kriminelle Mitarbeiter bei Kunden oder Lieferanten verursachen. Schauen sie nicht gründlich genug hin, machen sie sich strafbar. „Jeder Compliance-Chef steht daher mit einem Bein im Gefängnis“, sagte Compliance-Experte Tim Wybitul von der Kanzlei Mayer Brown. Es werde jetzt viel schwerer werden, diese Stellen zu besetzen, prophezeite er.

„Das Urteil wird zu einem Umdenken in den Unternehmen führen“, sagte PWC-Forensiker Steffen Salvenmoser. Er beobachte seit geraumer Zeit einen „wachsenden Druck der Justiz“ auf die Compliance-Chefs und letztlich auch auf die Vorstände, die Abteilungen besser auszustatten. „Bei vielen Unternehmen sind Betrugsermittler und Compliance-Chefs aber eher ungeliebte Stiefkinder“, beschrieb ein Korruptionsermittler eines Dax-Konzerns die aktuelle Lage.

Doch auch der Gesetzgeber macht es den Unternehmen derzeit schwer. „Seit Inkrafttreten des neuen Datenschutzgesetzes stehen Compliance-Chefs häufig zwischen Baum und Borke“, sagte Anwalt Wybitul. Denn vergleichen sie Lieferantendaten mit denen ihrer Mitarbeiter im großen Stil, verstoßen sie unter Umständen gegen das Gesetz. Tun sie es nicht, verletzen sie ihre Pflichten als Hüter sauberer Geschäftspraktiken. „Derzeit gilt: Wenn ich nichts tue, mache ich auch nichts falsch“, beschrieb PWC-Experte Salvenmoser das Klima.

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