Wohnmobilhersteller
Hymers letzte Runde auf dem Parkett

Schluss mit der Bürokratie: Der Wohnmobilhersteller Hymer will sich mit seiner heutigen Hauptversammlung von der Börse verabschieden. Doch es droht noch einmal Ärger.
  • 0

DüsseldorfIm kleinen Bad Waldsee im Süden von Baden-Württemberg haben sie es satt: Jahresberichte. Halbjahresberichte. Zwischenberichte. Ad-hoc-Mitteilungen. Investor Relations. Die Hauptversammlung, auf der so gerne Leute sitzen, die ohnehin nichts zu bestimmen haben. Längst ist es dem Caravan- und Wohnmobilhersteller Hymer zu aufwendig geworden, eine börsennotierte AG zu sein. Und zu teuer.

Der Mittelständler, der rund 20.000 Reisemobile und Caravans im Jahr verkauft, zieht sich vom Parkett zurück. „Kosten und Aufwand der Börsennotierung entsprechen nicht den damit verbundenen Vorteilen“, erklärte einst Finanzvorstand Andreas Lobejäger. Allein eine Million Euro will Hymer künftig sparen, weil es weniger Berichte schreiben und keine große Hauptversammlung mehr ausrichten muss.

Heute kommt es im Städtchen Weingarten nicht weit vom Firmensitz entfernt zum Showdown: Die Familie des kürzlich verstorbenen Gründers Erwin Hymer will die letzten verbliebenen Aktionäre über ein so genanntes Squeeze-out-Verfahren aus der Firma drängen. Das Aktiengesetz erlaubt diesen Schritt, wenn ein Aktionär mindestens 95 Prozent des Grundkapitals einer AG hält.

Die Vermögensverwaltungs AG (EHVV) der Familie Hymer hat schon mehr als 98 Prozent der Anteile eingesammelt. Den verbliebenen Aktionären muss das Unternehmen eine Abfindung leisten. Maßgeblich für die Höhe der Zahlung im Rahmen eines Squeeze-outs ist meist der durchschnittliche Börsenkurs der vergangenen drei Monate.

Familie Hymer will 56,82 Euro je Anteil zahlen. An der Börse wird das Papier aber derzeit für über 59 Euro gehandelt. Das riecht nach Ärger! Möglicherweise sind auf den letzten Drücker noch Anleger eingestiegen, die dem Unternehmen mit einer Klage gegen den Zwangsverkauf drohen wollen. Um einem Verfahren zu entgehen, einigen sich Firmen in solchen Fällen oft auf einen Vergleich. „So hat sich schon mancher Aktionär eine goldene Nase verdient“, sagt der Berliner Anwalt Patrick Hohl.

Die Hymer AG hat nach eigenen Angaben noch keine Anzeichen dafür, dass Aktionäre klagen wollen. Von Handelsblatt Online auf den Kursanstieg angesprochen, sagte ein Sprecher: „Ich kann mir das nicht erklären.“ Einen weiteren Kommentar lehnte er ab.

Gut 22 Jahre lang war Hymer an der Frankfurter Börse notiert. Doch nach dem Start im Dezember 1990 besorgte sich der Wohnmobilhersteller nicht ein einziges Mal frisches Kapital. Stattdessen konnte sich Gründer Erwin Hymer nie wirklich von seiner Firma trennen. In all den Jahren hielt der Patriarch stets rund 80 Prozent der Anteile.

Hymer hatte die kurzen Entscheidungswege eines Familienbetriebs geopfert, den Geldsegen einer börsennotierten AG aber nie wirklich empfangen. Im September 2011 zog das Unternehmen die Konsequenzen kündigte den Rückzug an. Nach der heutigen Hauptversammlung in Bad Waldsee will Hymer das Parkett für immer hinter sich lassen.

Kommentare zu " Wohnmobilhersteller: Hymers letzte Runde auf dem Parkett"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%