Wohnungsbaukonzern mit Milliardenabschreibung
Britische Hausbauer sanieren um die Wette

Neue Schockwellen erschüttern die britische Baubranche: Der Vorsteuerverlust von mehr als 1,5 Milliarden Pfund des Branchenführers Taylor Wimpey ist der vorläufige Höhepunkt einer Serie von Hiobsbotschaften. Nun hoffen die Unternehmen auf staatliche Hilfe.

LONDON. Eine Milliarden-Abschreibung des größten Wohnungsbaukonzerns Taylor Wimpey hat gestern neue Schockwellen durch die britische Baubranche geschickt. Zudem musste das Unternehmen eingestehen, dass es bei seinen Gläubigerbanken noch immer nicht die erhofften Erleichterungen ausgehandelt hat. Der Vorsteuerverlust von mehr als 1,5 Mrd. Pfund (1,9 Mrd. Euro) im ersten Halbjahr ist der vorläufige Höhepunkt einer Serie von Hiobsbotschaften aus der Branche. Die Nachfrage nach neuen Häusern ist eingebrochen - auch weil die Banken nur noch sehr vorsichtig neue Hypothekenkredite vergeben. Die Branche hofft, dass die Regierung hilft, den Markt wieder in Gang zu bringen.

Vor einem Jahr noch konnte sich die Führung von Taylor Wimpey als Vordenker der Branche feiern lassen. Die Fusion der Hausbauer Taylor Woodrow und George Wimpey schuf einen Marktführer, der sich besser als die Konkurrenz mit Kostensenkungen auf die absehbare Abkühlung des Immobilienbooms vorbereiten konnte. Konkurrent Barratt Developments zog mit der Übernahme des Konkurrenten Wilson Bowden für 2,2 Mrd. Pfund nach.

Doch in dem Maße, in dem sich die Abkühlung seit April zu einer regelrechten Eiszeit auswuchs, wurden aus den Visionären von gestern die Verlierer von heute. Beide Unternehmen sind heute an der Börse nur noch ein Zehntel der 2007 erreichten Höchstmarken wert, Taylor Wimpey etwas mehr und Barratt etwas weniger als eine halbe Milliarde Pfund.

Barratt ist es immerhin im Juli gelungen, mit seinen Banken eine Verlängerung einer Kreditlinie von 400 Mill. Pfund auszuhandeln. Zugleich fanden sich die Gläubiger bereit, die Sicherheitsklauseln zu lockern, die ihnen bei drohender Überschuldung erlauben, ihre Kredite zurückzuholen. Zugleich reagierte das Unternehmen mit dem Abbau von 1 200 Stellen. Das Auftragspolster ist mit 700 Mill. Pfund nur noch halb so dick wie vor einem Jahr.

Bei Taylor Wimpey sieht es kaum besser aus, und es ist kein Trost, dass der Marktführer ein viel stärkeres internationales Geschäft hat. Seine zwei Hauptmärkte sind nämlich ausgerechnet die USA und Spanien, wo die Immobilienkrise ebenso wütet wie in der Heimat. Die hohen Abschreibungen des ersten Halbjahres setzen sich vor allem aus Wertberichtigungen auf Landbesitz und Goodwill-Abschreibungen aus der Fusion zusammen. Die Fusion hat also die Krisenanfälligkeit verschärft, statt sie zu lindern.

Vorstandschef Pete Redfern versuchte, den Spieß umzudrehen: "Unsere Erfahrung aus dem US-Hausmarkt hat uns geholfen, die Schwäche in Großbritannien früh zu erkennen und schnell zu handeln", sagte er. Allerdings musste er eingestehen, dass der Konzern die Sicherheitsklauseln für seine Bankschulden verletzen wird, wenn er vor Jahresende keine Lockerung aushandelt.

Die Aussichten für die Branche bleiben düster, eine Trendwende auf dem Wohnbaumarkt liegt nach Einschätzung von Volkswirten wie Michael Saunders von der Citigroup in weiter Ferne. Barratt erwartet, dass der Hausbau den niedrigsten Stand seit 50 Jahren erreichen wird. Der Chef der Baufirma Bovis Homes, David Ritchie, forderte deshalb die Regierung auf, den Wohnungsmarkt zu stützen. Ebenso wie der Chef des Konkurrenten Persimmon, Mike Farley, fordert er, dass der Staat den Hypothekenbanken bei der Refinanzierung helfen solle. Wenn Kaufinteressenten keine Kredite bekämen, dann könnten sie auch keine Häuser kaufen. Auch eine Abschaffung der Stempelsteuer, die beim Kauf von Häusern fällig wird, würde helfen.

Wie viel Gehör die Branche findet, wird sich nach der politischen Sommerpause zeigen. Eine radikale Schrumpfkur nach 15-jährigem Boom ist allerdings bereits in vollem Gange.

Der Club der Verlierer

Taylor Wimpey

Der Marktführer machte im ersten Halbjahr nach Milliardenabschreibung 1,5 Mrd. Pfund Verlust und streicht 900 Stellen.

Barratt Development

1 200 Beschäftigte entlässt Barratt. Die Zahl der verkauften Häuser lag zuletzt um 43 Prozent unter Vorjahr.

Persimmon

Nur um drei Viertel sank der Börsenwert der Nummer drei nach Hausverkäufen. Das Unternehmen erreichte im Halbjahr noch 100 Mill. Pfund Gewinn, doch auch hier mussten 1 100 gehen.

Bovis Homes

Bovis hat 400 Stellen abgebaut, weitere könnten folgen. Der Umsatz im Halbjahr halbiert, Gewinn minus 80 Prozent.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%