Würstchengate bei Daimler „Dividende aufbessern und sich durchfuttern“

Auf der Hauptversammlung von Daimler muss ein Streit um Würstchen von der Polizei geschlichtet werden. Die „Naturaldividende“ stößt seit jeher auf das besondere Interesse der Kleinaktionäre – und ist nicht unumstritten.
  • Michael Greuel und Christoph Kapalschinski
Der Streit um die Bockwurst bei Daimler sorgt für Gesprächsstoff. Quelle: Imago
Aufgespiesst!

Der Streit um die Bockwurst bei Daimler sorgt für Gesprächsstoff.

(Foto: Imago)

Düsseldorf/Hamburg12.500 Würstchen hatte Daimler auf der Hauptversammlung für seine 5500 Aktionäre angerichtet, und sie scheinen wohl gemundet zu haben. Einem Aktionär haben sie sogar besonders gut geschmeckt, er ließ gleich mehrere Portionen davon in seiner Tasche verschwinden. Das wiederum passte einer ebenfalls hungrigen Aktionärin überhaupt nicht – es kam zum Streit. Am Ende musste das Buffet-Gefecht dann gar von der Polizei beendet werden.

Auf der Hauptversammlung des Schokoladenherstellers Lindt ist ein solcher Vorfall eigentlich undenkbar. Schließlich haben die Schweizer vorgesorgt. Seit Jahren schon müssen sich die Aktionäre dort keine Sorgen darüber machen, dass sie während des stundenlangen Redemarathons kulinarisch zu kurz kommen könnten.

Jeder von ihnen erhält einen großen blauen Koffer. Der Inhalt: vier Kilogramm Süßkram. Von Schokoladenbonbons über -tafeln bis hin zu Pralinenvariationen ist alles dabei. Um in den Besitz eines solchen Koffers zu kommen, müssen Anleger allerdings tief in die Tasche greifen – der Aktienkurs beläuft sich aktuell auf fast 67.000 Euro.

Solche Geschenke an Aktionäre werden Naturaldividende genannt, kommen durchaus häufiger vor und nehmen teilweise kuriose Formen an. Beim norddeutschen Erotikhändler Beate Uhse beispielsweise wurden schon einmal String-Tangas gereicht, bei diversen Brauereien waren es Bierkästen, andere wiederum verschenkten Freikarten für den Zoo.

Als beliebt gilt bei Aktionären aber auch die Verpflegung während der Hauptversammlungen. Beim Spirituosen-Hersteller Berentzen bestand sie viele Jahre lang größtenteils aus Hochprozentigem, den Versammlungen wurde ein gewisser Volksfestcharakter nachgesagt. Inzwischen ist es dort jedoch ruhiger geworden.

Bockwürste, Schnaps und Tangas
Die Naturaldividende
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Beim Durchblättern einer Ausgabe des Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ sind wir kürzlich auf eine amüsante Auflistung gestoßen, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Die Redakteure haben sich die mühsame Aufgabe gemacht und recherchiert, was den Aktionären auf den Hauptversammlungen von Dax-Schwergewichten wie Metro, Henkel und Co. so am Buffet serviert wird – unter Anlegern besser bekannt als „die Naturaldividende“.

Henkel
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Eröffnen wir das Buffet mit dem Düsseldorfer Klebstoffgiganten Henkel, der am 13. April 2015 zu seiner auch essenstechnisch „ordentlichen“ Hauptversammlung geladen hatte. Auf die 1.500 Teilnehmer, die sich im Düsseldorfer Messe-Congress-Centrum eingefunden hatten, warteten neben 2000 Portionen Obstsalat auch rund 800 Liter Kartoffelsuppe.

Thyssen Krupp
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Im Januar 2015 hatte der Industriekonzern Thyssen Krupp seine Aktionäre zur Hauptversammlung nach Bochum eingeladen. Rund 1.800 Teilnehmer durften sich über 5.000 Bockwürste und 4.000 Croissants am Buffet freuen.

Metro
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Über 1.100 Portionen Poulardenbrust, Tafelspitz mit Meerrettichsauce und Tortellini mit Ricotta-Spinatfüllung konnten sich die Aktionäre des Düsseldorfer Handelskonzerns Metro im vergangenen Jahr freuen. Not amused waren die Herrschaften wohl beim Thema Frauenquote. Metro gelobt aber Besserung: bis 2017 soll eine Frau in den Vorstand einziehen, der bislang von vier Männern geführt wird.

Tui
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Karges Buffet: 400 halbe Körnerbrötchen belegt mit Salami und Gurke hielt der Reisekonzern Tui für seine Aktionäre 2015 bereit. Nach Hannover eingeladen wurden rund 1.750 Teilnehmer.

Daimler
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Vor einem Jahr hatte der Autokonzern Daimler nicht nur die höchste Dividende in der Geschichte der AG beschlossen, sondern seine 5.000 Aktionäre auf der Hauptversammlung auch mit 4.500 Maultauschen und 7.000 Portionen Kartoffelsalat beglückt. In diesem Jahr musste die Polizei anrücken. 12.500 Würstchen hatte Daimler diesmal bei der Hauptversammlung für 5.500 Aktionäre aufgetischt. Weil einer von ihnen mehrfach Würstchen zum Mitnehmen einpackte, kam es zum Streit.

Infineon
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Nicht die Wurst, aber gut 2.000 Laugenbrezen gab es 2015 auf der Infineon-Hauptversammlung, zu der der Konzern 3.100 Teilnehmer nach München eingeladen hatte. Dazu gereicht wurde Schweinegulasch und veganes Gemüsecurry.

Im Internet existieren gar Listen, auf denen detailliert aufgeführt wird, welcher Konzern welche Speisen zu welcher Tageszeit anbietet. Gibt es Frühstück mit Croissants oder nur Kaffee? Ist der O-Saft frisch gepresst? Wird nachmittags Kuchen gereicht? Und ganz wichtig – wie der Fall Daimler zeigt: Ist genug von allem da?

Bis 2005 wurden einige dieser Fragen Jahr für Jahr in dem Buch „Zom Fressa gern“ beantwortet. Herausgeber war die Schwäbische Bank in Stuttgart, zusammengestellt wurden die Informationen über das Essen auf Aktionärsversammlungen von den Azubis. Vor rund elf Jahren dann stellten die Unternehmen ihre Auskünfte jedoch ein – und die Aktionäre sind seither auf sich allein gestellt.

„Viele Kleinaktionäre nutzen diese Möglichkeit gerne, um ihre Dividende aufzubessern und sich durchzufuttern“, sagt ein Anlage-Experte, der seinen Namen in diesem Zusammenhang lieber nicht veröffentlicht sehen will. Dass sich Anleger wie nun bei Daimler die Taschen mit Essen vollstopfen, sei kein neues Phänomen. Dass es dabei zu Rangeleien komme und sogar die Polizei gerufen werden müsse, habe er jedoch noch nicht erlebt.

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