Yukos rückt näher an den Bankrott heran
Ein Ölriese löst sich auf

Vorhang auf. Wenn Nikolaj das ölverschmierte Plastiklaken zur Seite zieht, hat er den Logenplatz im Taiga-Theater. 20 Meter über der Erde eröffnet sich vor ihm die sibirische Tundra: Da der Ob erst Ende Juli in der Mündung im Nordmeer seinen Eispanzer abwirft, stauen sich die Wassermassen des mächtigen Stroms in Sibirien. Er tritt über die Ufer, bildet unzählige Seen und Inseln, sattgrün und umschwirrt von Vögeln.

NEFTEJUGANSK/MOSKAU. Der Reichtum der Natur erschöpft sich nicht in Schönheit. Bohrtürme ragen in den Himmel, Pferdekopfpumpen besiedeln die Steppe, Schwerlaster ziehen lange Staubfahnen hinter sich her. Am Horizont tunken hochlodernde gewaltige Flammen den Himmel in orangenfarbenes Licht; hier wird das überschüssige Gas abgefackelt.

Nikolaj, 45 Jahre alt und seit 22 Jahren in der Erdölindustrie, ist Schlosser auf dem Bohrturm, mit dem der russische Ölkonzern Yukos auf seinem größten Vorkommen, dem Priobskoje-Feld, nach Öl sucht. Fast jeden Tag kann er im Fernsehen Berichte über seinen Arbeitgeber und dessen ehemaligen Chef Michail Chodorkowskij sehen. Der Mann im ölverschmierten Blaumann hört von den Vorwürfen gegen den seit Oktober Inhaftierten, von Betrug bei der Privatisierung, Steuerhinterziehung und Bildung einer kriminellen Vereinigung (siehe nebenstehend „Die Vorwürfe“).

Erst am Dienstag verdonnerte ein Moskauer Gericht den Konzern zu einer Zahlung von umgerechnet 2,84 Milliarden Euro. Ob die unklare Lage des Konzerns, die Prozesse gegen Chodorkowskij und gegen Yukos selbst wegen Milliarden-Steuernachforderungen, die Arbeit belasten? Nikolaj verzieht sein mit Bartstoppeln und Ölspritzern übersätes Gesicht und zieht die Schultern hoch: „Was weiß ich schon?“

Egal, ob in Sibirien oder in der Moskauer Yukos-Zentrale: Die Unruhe unter den 105 000 Mitarbeitern ist groß. Viele Manager und Fachleute suchen sich bereits einen neuen, sichereren Arbeitsplatz in einem anderen Unternehmen, berichten Insider. Und längst geht es nicht mehr allein um ein innerrussisches Problem. Russland ist der größte Öl- und Gaslieferant Deutschlands und Yukos einer der größten Exporteure.

Zudem haben die Moskauer vor zwei Jahren die einzige Ölraffinerie des Baltikums, Mazeikiu Nafta im neuen EU-Land Litauen, übernommen. „Wir brauchen das Öl von Yukos, sonst liegen wir auf dem Trockenen und haben keine Arbeit mehr“, sagt der 36-jährige Viluschis, während er unter einem Wirrwarr aus Rohren in der Raffinerie eine kleine Dose mit einer Öldestillatsprobe für das Labor in einem Metallschrank verschließt. „Ich bin zehn Jahre hier und kann doch nicht weg. Woanders gibt es doch keine Arbeit.“

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