Yukos unter dem Hammer
Gazprom oder die Putin-AG

Wenn Alexander Nikolajewitsch Woloschin nach Stunden im Eis der weiße Flash überkommt, braucht er Grün. Dann stapft er durch den Schnee in den Kulturpalast seiner Siedlung Jamburg, reißt die Tür auf, legt den schweren Wattemantel an der Garderobe ab und biegt links um die Ecke ins Gewächshaus. „300 Kilometer um uns herum ist nur schneebedeckte Taiga“, brummelt der Chefingenieur, während er zärtlich über die Blätter einer kleinen Palme im Glashaus des Kulturpalastes streicht. Auch das ist Gazprom: Mit den Pflanzen will der Konzern den Arbeitern in diesem eisigen Vorposten etwas Wärme spenden.

MOSKAU. Denn die Arbeitsplätze hier sind das Härteste, was Sibirien zu bieten hat: 200 Kilometer nördlich des Polarkreises herrschen unendliche weiße Weiten, durchzogen von Tausenden Kilometer aluminiumummantelter Gasrohre, hin und wieder eine Gasfackel am Horizont, die die Landschaft in feuriges Orange hüllt. Das Thermometer fällt Anfang Dezember auf Minus 40 Grad, die Sonne lugt gerade einmal zwei Stunden am Tag aus der Finsternis. Sommers machen Myriaden von Mücken den Gasarbeitern unmenschlich zu schaffen. Dann taut der Permafrostboden ein paar Zentimeter als Matschsee auf. Die Häuser der Gazprom-Siedlung sind auf Stelzen gebaut, damit sie nicht im Morast versinken.

Zehn Minuten Grün, dann schleicht Alexander Nikolajewitsch wieder in die Kälte. „Seit 1985 bin ich hier. Ich las damals in der Zeitung, dass hier ein neues Gasfeld erschlossen wird und wollte dabei sein“, erzählt der 55-Jährige. Er ist geblieben und mit ihm ist alles hier gewachsen. Heute ist Jamburgs Gazprom-Tochter mit 221 Milliarden Kubikmeter gefördertem Erdgas (44 Prozent der Konzern-Gesamtmenge von 2003) der weltgrößte Gasproduzent.

Doch das reicht Gazprom noch lange nicht. Der Gasriese soll nach dem Willen des Kreml auch zur Erdölgröße werden. Und deswegen will Gazprom die Yukos-Tochter Yuganskneftegaz (YNG) haben. Mag gestern, bei der Zwangsversteigerung, auch die völlig unbekannte Baikalfinancegroup den Zuschlag für YNG bekommen haben; Experten vermuten, dass der Kreml hier ebenfalls die Fäden zieht. Aus Angst vor zu scharfer internationaler Kritik habe Baikal als Strohmann obsiegt. Entweder stecke Gazprom selbst oder die Nummer vier im russischen Ölmarkt, die russische Surgutneftegas dahinter. Auch hier hat Wladimir Putin, der Präsident, ein gewichtiges Wort mitzureden. Und nicht nur das: Die Deutsche Bank rät als Berater Gazproms bereits zum Kauf von Surgutneftegas.

Mit YNG allein käme der Gaskonzern auf eine Tagesförderung von zunächst 1,6 Millionen Barrel à 159 Liter. Damit wäre der Konzern bereist so bedeutend wie das Opec-Mitglied Libyen. Überdies ist Gazprom bedeutender Stromerzeuger, weil sich der Konzern 5,2 Prozent der Aktien des bisherigen russischen Elektrizitätsmonopolisten UES und 25,01 Prozent am größten regionalen Stromerzeuger, Mosenergo, gesichert hat.

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