Zahl des Tages
Viel Kohle für Öl

Rund 30 Milliarden Dollar soll der Ölkonzern BP an vier russische Oligarchen zahlen. Dafür könnte BP im Nordpolarmeer 120 Jahre nach Öl bohren.
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Leonard Blavatnik, Michail Maratowitsch Fridman, German Khan und Wiktor Felixowitsch Wekselberg. Diese vier Herren könnten in wenigen Tagen um etwa 30 Milliarden US-Dollar reicher sein - beziehungsweise um Anteile an den Energiekonzernen BP und Rosneft im entsprechenden Wert. Wenn stimmt, was seit gestern gerüchtehalber die Runde macht und heute offiziell bestätigt werden soll, dann ist der britische Ölgigant BP bereit, die vier Russen zu diesem gigantischen Preis abzufinden. Wofür? Für die Auflösung des drittgrößten Ölproduzenten Russlands TNK-BP, den die russischen Oligarchen und BP vor acht Jahren als 50:50-Joint-Venture gründeten.

Den Briten geht es bei dem Deal allerdings nicht darum, den hochprofitablen Konzern TNK-BP künftig allein zu beherrschen. Sondern um ein noch größeres Geschäft: Der Konzern will nämlich eine fast acht Milliarden Euro schwere Überkreuzbeteiligung mit dem allergrößten russischen Ölkonzern über die Bühne bringen, dem staatlich kontrollierten Unternehmen Rosneft. Sind die Aktien mit Rosneft erst einmal getauscht, dann könnte BP in der südlichen Karasee, die in Sibirien liegt, zusammen mit Rosneft neue Öl- und Gasvorkommen erschließen. Sind die Aktien mit Rosneft erst einmal getauscht, dann könnte BP in der südlichen Karasee, die in Sibirien liegt, zusammen mit Rosneft neue Öl- und Gasvorkommen erschließen.

Gegen diese Vereinbarung waren die Oligarchen zuletzt Sturm gelaufen. Sie hatten BP vorgeworfen, hinter ihrem Rücken Geschäfte mit der russischen Konkurrenz zum machen, obwohl ihnen das laut Joint-Venture-Vereinbarung verboten sei. Juristisch waren die vier mit ihrer Argumentation zwar bislang gescheitert, trotzdem scheint nun ein Ausweg gefunden, der alle zufriedenstellt: Der Anteil der Oligarchen an TNK-BP könnte am Ende einer komplizierten Verkaufskette bei Rosneft landen. Die Oligarchen bekämen im Gegenzug eine Stange Bargeld sowie größere Aktienpakete von BP und Rosneft. Und die Rohstoffe in den russischen Arktis-Gebieten würden künftig weitgehend von den neuen Partnern ausgebeutet.

Was aber macht dieses Geschäft 30 Milliarden Dollar wert? Dafür bieten sich unterschiedliche Erklärungen an. Erstens ist da die wirtschaftliche Ertragskraft von TNK-BP. Der Konzern hat im vergangenen Jahr 5,8 Milliarden Dollar verdient, BP zahlt also gerade mal das 9,6fache des aktuellen Gewinns - das liegt durchaus im Rahmen des Preises, den auch andere Ölgiganten an der Börse erzielen. Zweitens ist da der möglicherweise teure Ärger, dem BP entgeht. Zuletzt war die Rede davon, dass die Oligarchen zehn Milliarden Dollar Schadenersatz fordern könnten. Welche weiteren Kosten ein dauerhafter Streit mit vier der mächtigsten Männer der russischen Gesellschaft noch nach sich gezogen hätte, ist kaum abzuschätzen. Statt das alles abzuschreiben, ist es wohl sinnvoller, auf die Oligarchen zuzugehen und das Geld in eine Partnerschaft zu investieren.

Von der profitieren letztlich alle. Denn drittens ist da das Kalkül gigantischer künftiger Erlöse, das letztlich wohl auch alle Beteiligten zu dem Kompromiss getrieben hat: Bis zu 60 Milliarden Barrel Öl sollen nämlich in der Region lagern. Das entspricht mehr als dem 15fachen der weltweiten Ölförderung und dem 120fachen der russischen Jahresproduktion. Angesichts solcher Aussichten ist das Geschäft geradezu ein Schnäppchen. Und wenn dieses Öl dank britischer Fördertechnik erst mal zuverlässig fließt, dürfte der Streit mit den Oligarchen blad vergessen sein.

Kommentare zu " Zahl des Tages: Viel Kohle für Öl"

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  • Wer schreibt eigentlich sowas bzw. wer genehmigt das? Russland fördert knapp über 10 Mio Barrel pro Tag. Wie sollen da bitte 60Mrd Barrel = 120 Jahresförderungen ausmachen? Das würde 500 Mio/Jahr entsprechen... Russland fördert etwas über 500 Mio TONNEN Öl pro Jahr, aber an Barrel sind es über 3,5 Milliarden (größter Ölproduzent der Welt mit sogar nicht geringem Vorsprung vor Saudi-Arabien).

    Sprich 60Mrd Barel entsprechen etwa 17 statt 120 Jahren russischer Ölförderung...

    Ansonsten sind auch die 15fache Weltförderung Blödsinn. Gehen wir von 88 Mio Barrel pro Tag aus (die IEA Schätzungen sind eher bei 89 - 89,2 aber nun gut),

    365 * 88 Mio = 32.120.000.000 (32,12Mrd Barrel). 60Mrd Barrel entsprechen weniger als der weltweiten Produktion von 2 Jahren. Wiegesagt man geht sowieso eher von ~89 bis 89,2 Mio Barrel für 2011 aus. Vielleicht knappe 700 Tage Weltförderung, also 1 Jahr und 11 Monate.

    Sowas was ich als (interessierter) Laie weiß, sollte jemand der einen solchen Artikel verfasst schon wissen, denn die Zahlen sind ja nun wirklich sehr leicht zu finden und rechnen können die Redakteure hoffentlich...

    Dass es sich um 60Mrd Tonnen handelt ist auszuschliessen, und dort der Fehler liegt, denn das wären ~450Mrd Barrel, knapp die 2-fachen Saudischen Ölreserven und die mit riesigem Abstand größte Ölformation der Welt, dafür würden Konzerne Billionen hinlegen (wenn sie könnten).

    Mit freundlichen Grüßen,

    Filip Subocz

  • 60 Milliarden Barrel sind nicht die 15fache Weltproduktion.
    Hier wurden Tonnen mit Barrel verglichen.
    Die Weltjahresförderung liegt bei 4Mrd Tonnen, bzw 30Mrd Barrel. Somit entsprechen die vermuteten 60 Mrd Barrel nur der 2fachen Weltjahresproduktion

  • BP scheint aus den schlechten Erfahrungen mit Russland nicht klug geworden zu sein. Sowie das Geldverdienen anfängt, werden die russischen Partner oder die russische Regierung BP mit fadenscheinigen Gründen aus dem Geschäft drängen oder sonstwie über den Tisch ziehen.

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