Zahlungsmoral
Firmen haben zu viel Speck auf den Rippen

Die Zahlungsmoral in Deutschland bessert sich wieder. Nach fünf Monaten mit rückläufiger Tendenz hat die Wirtschaftsauskunftei D&B im Juni eine Trendwende beobachtet: 78 von 100 Unternehmen zahlen ihre Rechnungen pünktlich. Zugespitzt ließe sich auch sagen: zu pünktlich. Auf der anderen Seite warten deutsche Firmen verhältnismäßig lange auf ihre Forderungen – manch eine bis zu anderthalb Jahren.

DÜSSELDORF. Gerade in Zeiten, in denen der Mittelzufluss aus dem operativen Geschäft versiegt und die Refinanzierung über Bankkredite oder den Kapitalmarkt schwieriger wird, wird ein effektives Management des Umlaufvermögens für die von der Krise gebeutelten Konzerne lebenswichtig. Dabei kann eine pünktliche Begleichung der Außenstände sogar zum Wettbewerbsnachteil werden. Eine Studie von REL, eine Tochter des US-Beratungsunternehmens The Hackett Group, unter den 1 000 größten europäischen Konzernen deckt hier ein starkes Gefälle auf. Danach bezahlte die deutsche Industrie ihre Lieferanten im Jahr 2008 im Schnitt nach 29,2 Tagen. Im europäischen Ausland dauerte es dagegen 44,8 Tage, bis die Unternehmen ihre Außenstände beglichen.

„Viele deutsche Unternehmen haben nicht die Liquidität, sondern vor allem die Profitabilität im Focus“, erklärt REL-Manager Bernhard Wenders das Phänomen. Um Preisnachlässe (Skonti) zu erhalten, bezahlten deutsche Firmen ihre Lieferanten auch in der aktuellen Rezession möglichst zügig. Dagegen dauert es im Schnitt 49,8 Tage, bis die Kunden die gelieferte Ware bezahlen. Zwar ist im übrigen Europa diese Zeitspanne mit 50,3 Tagen etwa gleich lang. Dennoch ist in Deutschland die Kluft zwischen Zahlungsausgängen und dem Beitreiben der Forderungen mit mehr als 20 Tagen fast vier Mal so lang wie im europäischen Ausland.

Außerdem ist die Reichweite der Vorratsbestände hierzulande deutlich höher. Sie beträgt im Schnitt 45,4 Tage, im übrigen Europa dagegen nur 36,4 Tage. Einige deutsche Großkonzerne haben es in der Krise offenbar versäumt, ihre Vorratsbestände an die einbrechende Nachfrage anzupassen. Dadurch binden sie zu viel Kapital in der Bilanz.

Insgesamt liegt das Nettoumlaufvermögen im Verhältnis zum Umsatz, ausgedrückt im sogenannten DWC-Wert, mit 62 Tagen um ein knappes Drittel schlechter als bei den europäischen Wettbewerbern. Im ersten Quartal 2009 hat sich diese Bilanz zuungunsten der Deutschen verschlechtert, wie eine Analyse der Zwischenberichte von 133 börsennotierten Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen zeigt. Danach wiesen beispielsweise Ende 2008 nur vier Dax-Konzerne – MAN, Siemens, Bayer und Merck – Reichweiten beim Nettoumlaufvermögen von mehr als 100 Tagen aus, nach dem ersten Quartal 2009 kamen mit Adidas, K+S, Salzgitter, SAP und Thyssen-Krupp fünf weitere Konzerne hinzu. Auch in absoluten Zahlen hat das Nettoumlaufvermögen (Working Capital) zugenommen. Dies geht vor allem auf das Konto der um 16,4 Prozent auf insgesamt 180 Mrd. Euro erhöhten Forderungen aus Lieferungen und Leistungen.

In den Bilanzen schlummern somit erhebliche Risiken. Denn als Folge der Rezession steigt auch das Ausfallrisiko der Kunden. Im schlimmsten Fall könnten Forderungen komplett ausfallen.

Thomas Kautzsch, Partner der Unternehmenberatung Oliver Wyman, nennt dafür zwei Hauptursachen: „Die Kunden haben Probleme, pünktlich zu zahlen. Die Unternehmen setzen längere Zahlungsziele als Absatzinstrument ein.“ Doch beides ist riskant: „Das betreffende Unternehmen muss einen größeren Anteil seines Umsatzes vorfinanzieren, dadurch steigt die Verschuldung und die Bonität kann sich verschlechtern“, warnt der Experte.

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