Zankapfel Sachalin
Wo die Pipeline pinkelt

Die russische Insel Sachalin ist zum Zankapfel von Politikern, Bewohnern und Ölmultis geworden. Die Energiereserven sind riesig, die Bandagen im Kampf um Öl und Gas hart. Ein Blick auf einen Konflikt aus Politik, Profit und Lachslaich.

SACHALIN. An jenem Morgen erreicht Joshua Ogunyannwo ein dringender Anruf: Besuch auf der Baustelle – unangemeldet und vermutlich auch unangenehm. Der Vize der russischen Umweltbehörde Rosprirodnadsor ist auf Sachalin, an einem Abschnitt der 800 Kilometer langen Pipeline, vermutlich an dem, für den der Shell-Ingenieur aus Nigeria verantwortlich ist. Es ist klar: Der Mann aus Moskau sucht Zoff. Ogunyannwo soll ihn finden und schauen, ob alles in Ordnung ist. Ob die Besucher die obligatorischen Schuhe tragen, Schutzbrillen und natürlich die Helme.

Der Beamte hat aus der Hauptstadt mit dem Regierungsjet über Nacht einen ganzen Tross internationaler Umweltschützer und Reporter auf die Insel eingeflogen. Sie suchen nach Fehlern beim Bau der Pipeline, nach Umweltsünden. Ogunyannwo ahnt, wo sich die Besucher aufhalten.

Als er die Gruppe findet, plaudern sie zunächst angeregt: Oleg Mitvol, der Mann aus Moskau, ist die Freundlichkeit selbst, erinnert sich der Nigerianer, fragt nach der Familie. Doch dann sind die Fernsehkameras da und fokussieren den Mann aus dem fernen Afrika. Und plötzlich verfällt der Behördenchef in diese wüste Tirade: gegen die Ausländer, die in Russland die Natur zerstören. Gegen Joshua Ogunyannwo. Er werde ihn zur Rechenschaft ziehen wegen der Verstöße, ins Gefängnis bringen, schimpft er. Joshua Ogunyannwo ist das perfekte Ziel: der Ausländer schlechthin. Er kann nichts sagen, er darf nichts sagen. Er kann nur eines: lächeln. Am Abend flimmern die Bilder in den russischen Fernsehnachrichten, und Joshua ist so etwas wie der Staatsfeind Nummer eins.

Willkommen auf Sachalin, einer 700 Kilometer langen Insel im Nordpazifik. Willkommen bei der Schlacht um ein Milliarden-Dollar-Vorhaben, das einmalig in Russland ist. Es geht um viel: Geld, Technologien, Öl- und Gasreserven größer als die in der Nordsee. Es geht um die Zukunft eines Naturparadieses. Und darum, ob Investoren, die große Risiken eingehen, auch langfristig auf den Schutz der russischen Regierung rechnen können. Moskauer Bürokraten, Ölmänner, Umweltschützer und die Bewohner der Insel ringen um ihre Ziele.

Alex Newton bezeichnet sich selbst im Spaß als „Söldner“. Er hat in 20 Jahren Einsätze in Kolumbien und Afrika hinter sich. Seine Dienste als Pipeline-Ingenieur vermittelt eine britische Agentur, die er nur vom Telefon kennt. Zuletzt hat er in Oman gearbeitet – in der fast 50 Grad heißen Wüste. Jetzt sitzt er gut drei holprige Fahrstunden vom im Norden Sachalins gelegenen Nogliki entfernt in einem Container-Camp des Shell-Konsortiums Sakhalin Energy. In Sichtweise brandet das Meer an die neue Förderplattform Lunskoye.

Hier baut er an der Pipeline, die spätestens 2008 die Öl- und Gasfelder des Konsortiums mit der neuen LNG-Anlage im Süden verbinden soll. Dort wird das Gas verflüssigt und auf Tanker verladen. Es ist die erste Anlage dieser Art in Russland, Sachalin II genannt, das größte „integrierte Öl- und Gasprojekt der Welt“, wie Sakhalin Energy in seinen Broschüren schreibt. Rund 500 Milliarden Kubikmeter Gas schlummern vor der Küste. Erdgas für den hungrigen asiatischen Markt, vor allem für Japan – das Shell-Konsortium hat bereits seine komplette Förderung verkauft. In zwei Jahren sollen von hier aus zehn Prozent des japanischen Gasbedarfs gedeckt werden. Eine gewaltige Chance, aber auch eine riesige technische und finanzielle Herausforderung für die Ölmultis.

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